Regionalliga Nord

„Was die Entlassung von ‚Berki‘ angeht, wissen die Beteiligten, dass das nicht die feine Art war“

13. Juni 2020, 09:00 Uhr

Marco Schultz (hi.) spricht im FussiFreunde-Interview unter anderem auch über die Trennung zwischen Altona 93 und Ex-Coach Berkan Algan. Foto: KBS-Picture.de

Wenn die Saison 2019/2020 nicht nur gefühlt, sondern nach dem Außerordentlichen Verbandstag des Norddeutschen Fußball-Verbandes auch final schwarz auf weiß beendet ist, dann endet bei Altona 93 auch die Zeit von Marco Schultz. Vier Jahre lang war der 28-Jährige dann ein Bestandteil des AFC-Kaders und hat mit dem Verein von der Griegstraße das eine oder andere erfolgreiche Kapitel der Vereinsgeschichte geschrieben. Zur neuen Spielzeit zieht's den Kapitän nun nach Österreich, wo er beim Sparkasse SC Imst kicken wird. Wir haben uns mit Schultz über seine Zeit beim AFC, die vergangenen Wochen und die Zukunft unterhalten.

Marco, wie geht’s dir derzeit in der Corona-Krise ohne eine echte Möglichkeit, richtig Fußball zu spielen?

Marco Schultz: Es ist immer noch schrecklich. Ich glaube, diese Umschreibung trifft es ganz gut. Ich fand auch die ersten zwei Wochen, als wir nicht trainieren konnten, schwierig. Da ist man in ein kleines Loch gefallen. Sonst ist es ja so, dass du gesperrt oder verletzt bist und nicht spielen kannst. Aber in dieser Situation ist man halt fit – und darf einfach trotzdem nicht spielen. Das ist schon ein großer Einschnitt ins Alltägliche. Ich hatte in diesen beiden Wochen auch richtig schlechte Laune deswegen. Wie gesagt: Es ist schrecklich. Einerseits freut man sich darüber, dass man wenigstens die Bundesliga im Fernsehen gucken kann, aber andererseits will man eben auch selbst gern wieder spielen.

Die letzten Wochen bei Altona 93 waren aber nicht nur aufgrund von Corona ungewöhnlich, sondern auch wegen der Geschehnisse beim AFC – unter anderem die Trennung von Trainer Berkan Algan. Wie hast du die Dinge aus deiner Sicht erlebt?

Seine Zeit bei Altona 93 bezeichnet der 28-Jährige als die mit am intensivsten vier Jahre seiner Karriere. Foto: KBS-Picture.de

Schultz: Es war sehr turbulent. Auch für uns als Mannschaft war es nicht einfach: Wir haben uns nicht gesehen, weil wir eine Zeit lang eben auch nicht trainieren konnten. Der Verein hatte so auch nicht die Möglichkeit, die ganze Sache mit uns richtig zu besprechen, so dass wir sie für uns bewerten konnten. Es war für alle Beteiligten einfach keine schöne Lage zusätzlich zu dem Umstand, dass wir als Mannschaft nicht Fußball spielen dürfen.

Es gibt nicht wenige, die sagen, dass sich der AFC in der nahen Vergangenheit ein wenig selbst zerstört, zumindest aber vieles von dem kaputt gemacht hat, was man sich aufgebaut hatte. In wie weit würdest du dieser Sichtweise zustimmen?

Schultz: Also von Selbstzerstörung würde ich nicht reden. Was die Entlassung von „Berki“ angeht, wissen die Beteiligten, dass das nicht die feine Art war. Gerade aufgrund der Historie und Erfolge, die er mit Altona 93 hatte. Warum der Schritt so vollzogen wurde, da kann ich nicht so viel zu sagen. Ich denke, die Beteiligten wissen, dass man es auch anders hätte bewerkstelligen können: Es wäre eine andere Art der Kommunikation wünschenswert gewesen. Dadurch ist viel verloren gegangen.

Seit kurzem steht Andreas Bergmann als Nachfolger von Berkan Algan fest. Wie ist dein Eindruck von ihm?

Schultz: Da ich nicht unter ihm trainiert habe, kann ich dazu nichts sagen.

Du hast dich entschieden, den AFC zu verlassen. Warum? Es ist ja nichts Alltägliches, dass man mal eben von Hamburg nach Österreich wechselt...

Marco Schultz (vo.) lässt im Gespräch seine Highlights beim Club von der Griegstraße Revue passieren. Foto: KBS-Picture.de

Schultz: Stimmt, alltäglich ist das sicher nicht. Ich kann deutlich sagen, dass ich mich in den vier Jahren in Altona sehr wohl gefühlt habe und dass das mit die vier intensivsten Jahre meiner Karriere waren. Deswegen geht auch ein großer Dank meinerseits an die Beteiligten, Fans und Mitspieler. Und ich muss ganz ehrlich hinzufügen: Während ich das jetzt sage, bekomme ich schon ein bisschen Gänsehaut! Wir haben bei Altona 93 einiges aufgebaut. Aber als ich in den Gesprächen mit meinem neuen Verein gesessen habe, da hat sich letztlich eben diese Option mehr und mehr aufgetan. Es war das Neue und Unbekannte, im Ausland zu spielen, das mich gereizt hat. Ich glaube, dass man da nochmal viele neue Eindrücke sammeln und weiter reifen kann. Ich bin jetzt 28 Jahre alt und man weiß nicht, ob sich in ein oder zwei Jahren diese Chance noch einmal ergeben hätte. Deswegen habe ich mich entschieden, diesen Schritt jetzt zu machen. Es passt einfach – auch privat, weil meine Freundin auch mitkommen wird und von der Umgebung und dem Verein begeistert ist.

Wenn du jetzt auf deine Zeit in Altona zurückblickst: Was waren für dich die Highlights?

Schultz: Der Aufstieg in meinem ersten Jahr war eine Sache, an der ich ja nicht so wirklich groß beteiligt war. Ich habe zwei oder drei Spiele gemacht und war dann leider lange verletzt. Trotzdem war es super und es hat Spaß gemacht mit dieser Mannschaft. Aus meiner Sicht waren sicher die Spiele in der Saisonvorbereitung gegen West Ham United und Huddersfield große Highlights. Es kann nicht jeder sagen, dass er mal gegen eine Mannschaft aus der englischen PremierLeague gespielt hat – und wir hatten gleich zwei Mal die Gelegenheit dazu. Die Saison in der Regionalliga danach war sehr schwierig und anstrengend und der Abstieg sicherlich ein negatives Highlight. Dieser Abstieg war für mich selbst aber irgendwie auch eine Verpflichtung, weiter in Altona zu bleiben. Für mich war schnell klar, dass ich auch in der Oberliga für den AFC spielen würde. Wir hatten da noch was wiedergutzumachen. Das ist uns am Ende ja dann auch gelungen. Die erste Hamburger Meisterschaft für Altona 93 nach 69 Jahren einzufahren und dann auch noch in der Aufstiegsrunde wieder in die Regionalliga zurückzukehren – das sind Momente und Erinnerungen, von denen man noch in 20 oder 30 Jahren erzählen wird.

Vor deiner Zeit bei Altona 93 hast du für Eintracht Norderstedt, die diese Saison weit vor dem AFC in der Tabelle stehen, gespielt. Was hat „EN“ dem AFC voraus? Und was der AFC umgekehrt der Eintracht?

Der scheidende AFC-Kapitän (re.) zieht Vergleiche zwischen Altona und Norderstedt – und spricht über seine Zukunft. Foto: Bode

Schultz: Ich denke, was die Infrastruktur in Norderstedt angeht, gibt’s in der Regionalliga kaum etwas besseres. Auch wie der Verein seit Jahren solide geführt wird, ist top – das kann man nicht anders sagen. In Altona ist nach dem Stadionverkauf die Struktur mit der Anlage an der Baurstraße, die der Verein ja inzwischen nutzt, besser geworden – aber das ist mit Norderstedt einfach nicht vergleichbar. Der AFC wiederum hat was die Zuschauer, das Familiäre und die Tradition angeht, einen Vorsprung.

Was wirst du in Österreich vermissen, wenn du an den Hamburger Amateurfußball denkst?

Schultz: Ich glaube, das wird Vieles sein. Ich war zwar mehr in der Regional- als in der Oberliga aktiv, aber ich glaube, was mir fehlen wird, ist die Tatsache, dass man trotzdem auf jedem Platz oder in jedem Verein irgendjemanden kennt. Diese Bekanntschaften, dieses Enge und Familiäre ist das, was den Hamburger Amateurfußball ausmacht. Das macht Spaß. In Niedersachsen ist das zum Beispiel ganz anders, da ist allerdings auch alles räumlich nicht so eng und man hat weitere Fahrten. Dementsprechend sind dort die Kontakte zwischen den Spielern auch nicht ganz so eng.

Abschlussfrage: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir Marco Schultz noch einmal aktiv im Hamburger Amateurfußball sehen? Gibt's die Möglichkeit noch?

Schultz: Das lasse ich erstmal noch offen. Wir gehen jetzt erstmal nach Österreich und schauen, wie es uns da letztlich gefällt und wie es läuft. Ich kann vorab noch nicht sagen, wie das sein wird. Von daher bleibe ich die Antwort auf diese Frage erstmal schuldig. 

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