Landesliga Hammonia

Nach St. Pauli-Abschied nun ETV-Angriff: Reflektierter Schütt setzt sich „neue Prioritäten“

30. November 2020, 12:23 Uhr

23 Regionalliga-Einsätze absolvierte Finn Schütt (re.) für die U23 des FC St. Pauli und stand auch im "kleinen Derby" gegen den HSV-Nachwuchs auf dem Platz. Foto: KBS-Picture.de

„Diverse Mittelfußbrüche und Außenbandrisse“ machten Finn Schütt immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Seine „relativ lange Verletzungshistorie“ sorgte dafür, dass er schon „im letzten Jahr, als ich meinen Vertrag bei St. Pauli nochmal um ein Jahr verlängert habe, mit dem Gedanken gespielt habe, aus dem ‚bezahlteren‘ Fußball auszusteigen“. Hinzu kommt, dass sich der noch 20-jährige Jungspund, der am 3. Dezember seinen 21. Geburtstag feiert, selbstständig gemacht und mit seinem ehemaligen Teamkollegen Leon Schmidt eine eigene Firma gegründet hat, die sich genau mit dem Thema der Optimierung von Training, Reha, und Entwicklung durch Kommunikation befasst. Spätestens da habe sich „dieser Gedanke zementiert, lieber zum Spaß als für Geld Fußball zu spielen“.

Im Sommer 2017 wechselte Schütt aus der U19 des SC Victoria zu den Kiezkickern. Foto: KBS-Picture.de

„Das ist immer eine gute Frage…“, entgegnet Finn Schütt, als wir ihn – angesichts der vielen gesundheitlichen und verletzungsbedingten Rückschläge – mit dem „hätte, wäre, wenn“ konfrontieren. „Auf dem Niveau ist für jeden Spieler auf eine gewisse Art und Weise etwas drin.“ Deshalb könne „man wirklich schwer sagen“, was möglich gewesen wäre, wenn sein Körper in der jüngeren Vergangenheit mitgespielt hätte. „Man braucht ein gutes Team um sich herum, jemanden, der Kontakte hat – und dann ist es auch immer so eine Frage, wer guckt wann zu? Das klingt abgedroschen, aber so ist es halt auf dem Niveau“, befindet Schütt, der im Sommer 2017 zum FC St. Pauli stieß. Bei den Kiezkickern sollte er die A-Jugend verstärken, absolvierte aber schon als 18-Jähriger (!) in der Rückrunde der Saison 2017/18 ganze acht Einsätze für die U23. Beim 2:1-Sieg in Rehden gelang dem Defensivakteur sogar sein erster Treffer für den Regionalliga-Nachwuchs St. Paulis.

"Aus sportlicher Sicht unglücklich gelaufen"

Mit seinen gerade mal 20 Jahren ist Schütt bereits selbstständig und hat sich sportlich dem Eimsbütteler TV angeschlossen. Foto: KBS-Picture.de

Mit gerade einmal 18 Jahren schien Schütt erst ganz am Anfang einer steilen Laufbahn zu stehen. Doch: „Gerade in der Zweiten Mannschaft bei St. Pauli hatte ich mit meinen Verletzungen viel Pech gehabt, weil ich nach meiner ersten Saison noch die erste Hälfte der zweiten Spielzeit mitgemacht habe – und dann ging es eigentlich nur noch um die Frage: Wann werde ich wieder fit sein? Und darum, ob wir es schaffen, meine Reha so zu takten, dass ich noch ein paar Spiele in der Saison mitnehmen kann.“ Die Verletzungsmisere hielt Einzug und der Defensivallrounder musste sich immer wieder zurückkämpfen. „Dementsprechend ist es aus sportlicher Sicht ein bisschen unglücklich gelaufen, was mich im Nachhinein auch ein wenig traurig stimmt“, gesteht er. „Aber die Zeit war trotzdem wunderschön. Ich habe viele interessante Menschen und super tolle Leute kennengelernt. Ich kann eigentlich nur positiv auf die Zeit zurückblicken und bereue es keineswegs. Denn ich habe sehr, sehr viel Spaß gehabt.“

"Hätte als Verein genau so gehandelt"

Obwohl Schütt immer wieder zurückgeworfen wurde, hielt der Verein an ihm fest und bot ihm vor der Saison 2019/20 einen weiteren Ein-Jahres-Vertrag an. Aber: „Ich glaube, bevor ich meinen letzten Vertrag unterschrieben habe, stand es zwar noch ein Stück weit in den Sternen, war aber schon greifbar nah, dass es meine letzte Saison bei St. Pauli werden würde.“ Denn: „Es sah nicht so aus, als würde ich schnell zurück sein.“ Und so sei es im Endeffekt „eine beidseitige Geschichte“ gewesen, dass sich die Wege vor dieser Serie trennten. Er habe den Club jedoch keinesfalls im Groll verlassen, sondern zeigt sich äußerst reflektiert und verständnisvoll: „Bei dem, was mir in der Zeit alles widerfahren ist, hätte ich als Verein wahrscheinlich genau so gehandelt. Irgendwann muss man einen Strich ziehen“, weiß Schütt um die Tücken des Geschäfts.

"Andere Prioritäten als Fußball zu spielen"

Ein Spiel hat Schütt (re.) noch nicht für den ETV absolviert - doch das soll sich nach dem Re-Start ändern. Foto: KBS-Picture.de

„Klar spielt man mit dem Gedanken, im semi-professionellen Bereich zu bleiben.“ Aber ihm sei „relativ schnell klar gewesen, dass für mich andere Prioritäten da sind, als Fußball zu spielen“, erklärt er – und erläutert: „Ich habe auch andere Interessen und die Ambition, irgendwann mal Medizin zu studieren und eine Ausbildung zum Physiotherapeuten machen zu wollen. Hinzu kommt die Selbstständigkeit.“ Und so bot sich der Eimsbütteler TV (Schütt: „Ein super Verein mit tollen Leuten“) als neues Ziel an. „Ich kannte einen Großteil des Teams schon im Vorfeld, auch Koray (Gümüs, Interimstrainer und Liga-Manager; Anm. d. Red.) und die Jugendabteilung des Vereins.“ Letzteres habe bei seiner Entscheidung, sich dem Hammonia-Landesligisten anzuschließen, „definitiv eine entscheidende Rolle gespielt, dass die Mannschaft so jung ist“, wie er sagt. „Mit den meisten Spielern stand ich irgendwann schon mal in Kontakt während meiner jungen Fußballer-Karriere. Deswegen stand es für mich auch kaum zur Debatte, dass ich woanders hingehe.“

Aufstieg? "Ziel ist doch immer, das Bestmögliche zu erreichen"

In der vergangenen Saison trug Defensivakteur Finn Schütt letztmals das sankt paulianische Dress. Foto: KBS-Picture.de

„Natürlich“, so Schütt, gehe es ihm „auch um den Spaß“. Aber: „Wer stellt sich schon auf den Platz, um am Ende zu verlieren?! Natürlich spielt das Gewinnen immer eine Rolle. Und ich gewinne gerne. Egal auf welchem Niveau. Der Ehrgeiz ist schon groß“, verspürt er weiterhin große Lust, sein sportliches Limit auszureizen – und auch das des Vereins. Denn auf die Frage, ob das Ziel der Aufstieg sei, entgegnet er trocken: „Na klar! Das Ziel ist doch immer, das bestmögliche Ergebnis zu erreichen.“ Er könne sich „sehr gut vorstellen“, beim ETV „längerfristig etwas aufzubauen, weil ich sowieso guten Kontakt zu den Leuten dort habe und die Mannschaft mir auch sehr gut gefällt. Allerdings weiß man nie, was passiert, welche Zufälle das Leben für einen bereit hält und wo es einen am Ende hin verschlägt.“

"Dass es so gut läuft, hätte ich nicht unbedingt erwartet"

Da er zu Beginn der Saison noch angeschlagen war und viel Zeit bei der Physiotherapie verbracht habe, sei er „wenig beim Training gewesen“ – und könne deshalb auch nicht allzu viel zum plötzlichen Abgang des neuen Chefcoaches Simon Hatje, der sein Amt unmittelbar vor dem Saisonstart zur Verfügung gestellt hat, sagen: „Natürlich war ich ein bisschen verwundert, aber es ist ja auch eine Entscheidung im beidseitigen Einvernehmen gewesen.“ Seither hat Liga-Manager Koray Gümüs interimsmäßig die Zügel in der Hand. „Erstmal muss ich ihm ein großes Lob aussprechen“, so Schütt. „Dass es so gut läuft, hätte ich anfangs nicht unbedingt erwartet. Da bin ich ganz ehrlich. Aber es macht sehr viel Spaß, wie er das Training leitet. Er bringt einen gewissen Fun-Faktor rein. Und wir unterstützen ihn, wo es geht.“ Und das vor allem mit der eigenen Einstellung: „Dadurch, dass wir eine junge, ambitionierte Mannschaft sind, brauchen wir keine große Leitung in Sachen Ehrgeiz.“ Dass ihn dieser nochmal so sehr packt, dass er sportlich alles in die Waagschale wirft, um doch noch einmal höherklassig das Limit auszureizen, spielt in seinen Überlegungen derzeit keine Rolle: „Im Moment geht es mir nicht im Kopf herum. Aber wie schon gesagt: Man weiß nie, was die Zukunft bringt“, hält sich Finn Schütt alle Optionen offen.

Autor: Dennis Kormanjos

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