Oberliga

AFC trotzt dem Druck: „Wer nicht sieht, dass die Mannschaft alles versucht, der bekommt es definitiv mit mir zu tun!“

06. August 2022, 19:32 Uhr

Die Spieler des AFC feiern den Heimerfolg mit ihren Fans. Foto: MSSP-Sportphoto

Für reichlich Brisanz sorgte nicht nur der Derby-Charakter zwischen Altona und Osdorf sowie das frühe Pokal-Aus beider Teams (alle Highlights im LIVE-Ticker), sondern vor allem auch die Tatsache, dass der große Rivale von der Adolf-Jäger-Kampfbahn vor der Saison an gleich fünf TuS-Akteuren herumbaggerte. Das zumindest verriet Osdorf-Manager Cemil Yavas – und gab ein durchaus süffisantes Versprechen ab: „Ich werde den Verantwortlichen von Altona 93 für die kommende Saison Dauerkarten zuschicken, damit die schneller reinkommen und nicht mehr an der Kasse anstehen müssen – so oft, wie Herr Bergmann, der fast kein Spiel von uns verpasst hat, Herr Körner und Herr Golz da waren.“

Nach dem überharten Einsteigen von Theo Behrmann gegen Papa Ndiaye bereinigen Fynn Rathjen (li.) und Felix Spranger (Mi.) die aufgeheizte Stimmung. Foto: MSSP-Sportphoto

Yavas machte auch keinen Hehl daraus, dass der AFC für ihn „normalerweise die drittgrößte Kraft in Hamburg“ sei, sich „aber für die halbe Osdorfer Mannschaft interessiert, die in der abgelaufenen Oberliga-Saison Zehnter geworden ist. Das zeigt einerseits, was für eine gute Arbeit wir machen, ist aber gleichzeitig auch nervig und wirkt ein bisschen unglaubwürdig“, nahm er Bezug auf die Zielsetzung der 93er, in die Regionalliga zurückkehren zu wollen. Mit Prince Hüttner und Abdul Saibou sind zwei Mann den Verlockungen des AFC erlegen. Während Hüttner auf der Bank saß, fehlte der angeschlagene Saibou im Kader.


Auf dem Platz übernahm Altona zu Beginn das Kommando und kam zu guten Chancen, konnte aus den Fehlern der Gäste aber kein Kapital schlagen. Vor allem Martin Schauer fehlte im Abschluss ein ums andere Mal die Präzision (8., 33.). „Für das Stadium, in dem wir sind, fand ich, dass das eine echt gute erste Halbzeit war. Wir haben uns so viele Möglichkeiten herausgespielt, aber die Entschlossenheit im Abschluss vermissen lassen“, konstatierte Trainer Andreas Bergmann. 

AFC lässt "Entschlossenheit im Abschluss vermissen" - Osdorf beißt sich rein

Per Direktabnahme erzielte Michael Gries (li.) den 1:1-Ausgleichstreffer. Foto: MSSP-Sportphoto

Die „Blomkampler“ bissen sich aber nach hoher Fehlerquote in der Anfangsphase mit zunehmender Spielzeit ins Geschehen rein und hatten durch einen Kopfball von Papa Ndiaye, den Julian Barkmann entschärfte, ihre größte Gelegenheit (27.). Apropos Papa Ndiaye: Der Offensivakteur der Gäste wurde kurz vor der Pause von Theo Behrmann auf Höhe der Mittellinie ganz böse umgesenst. Mit Gelb war der Altonaer Außenverteidiger bestens bedient. Ndiaye musste gestützt vom Platz geleitet werden, TuS-Manager Yavas war außer sich – und sah von Referee Jarno Wienefeld die Ampelkarte (41.)!


Aber: Der 24-jährige Osdorfer kam – unter Beifall des Altonaer Anhangs – zurück. Mehr noch. Kurz nach Wiederanpfiff blieb Ndiaye im Duell mit Steffen Neelsen so lange auf den Beinen, bis es gar nicht mehr ging. Der AFC-Verteidiger stellte sich alles andere als clever an, brachte den Osdorfer zu Fall – Elfmeter (52.)! „Eine dumme Aktion – auch noch von einem sehr erfahrenen Spieler. Das hätte nicht sein müssen“, fand Bergmann deutliche Worte. Felix Spranger nahm das Geschenk dankend an und verwandelte ganz sicher zur Gäste-Führung (53.)!

"Dann kommt eine Mannschaft natürlich auch ein bisschen ins Nachdenken"

Per Strafstoß erzielte Kevin Prinz von Anhalt (li.) den Siegtreffer für den AFC. Foto: MSSP-Sportphoto

„Dann kommt eine Mannschaft natürlich auch ein bisschen ins Nachdenken und wir sind etwas unruhiger geworden, machen dann aber ein sensationelles 1:1“, sprach Bergmann auf die 69. Spielminute an, als Moritz Grosche in einem zunehmend vor sich hin plätscherndem Spiel vom rechten Flügel butterweich in die Mitte flankte und Michael Gries per Volley veredelte! Auch in der Folge war es ein „reiner Abnutzungskampf“, brachte es TuS-Coach Philipp Obloch auf den Punkt – allerdings: „Wir haben gesagt, dass es nicht 1:1 ausgehen wird, weil sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite Wackler drin waren – obwohl die ganz klaren Torchancen nicht da waren. Entweder du gewinnst es 2:1 oder du verlierst es 1:2.“

Der Prinz "flickflackt" wieder

Zuvor brachte Christopher Grünewald (re.) den durchstartenden Randy Gyamenah zu Fall. Foto: MSSP-Sportphoto

Letzteres war aus Osdorf-Sicht der Fall, da Christopher Grünewald mit letzter Kraft und etwas zu ungestüm im eigenen Strafraum gegen Randy Gyamenah zu Werke ging. Den folgenden „Elfer“ beförderte Kevin Prinz von Anhalt überaus sicher ins Altonaer Glück und zelebrierte seinen Torerfolg mit einem Flickflack (78.) Trotz einer Gelb-Roten Karte gegen Grosche, der wegen Ballwegschlagens vorzeitig zum Duschen geschickt wurde (85.), schaukelte der AFC den knappen Vorsprung über die Runden, weil dem eingewechselten Ali Can Sommer in der Nachspielzeit zweimal die nötige Zielsicherheit fehlte (90. +2, 90. +4).

„Es liegt im Endeffekt daran, dass wir es in der ersten Halbzeit nicht klar gemacht haben. So läuft man einem blöden 0:1 hinterher. Und dafür ist die Mannschaft noch nicht so gefestigt, manchmal noch zu naiv“, analysierte Bergmann – und fügte an: „Trotzdem ist der Sieg mehr als verdient – und nichts anderes!“ Zum frühen Zeitpunkt der Saison finde er die Leistung „okay“, so der Profi-erfahrene Übungsleiter. „Ich fand‘s auch nicht glücklich. Glücklich war vielleicht, dass wir am Ende so eine wilde Phase überstehen.“

"Es war ein Schritt vorwärts, ohne Belohnung"

AFC-Coach Andreas Bergmann treibt seine Mannen in den Schlussminuten verbal voran. Foto: MSSP-Sportphoto

Bergmanns Gegenüber bilanzierte unterdessen: „Altona hatte schon Box-Szenen. Trotzdem sind wir am Ende ein bisschen ‚unlucky‘. Aber vorne fehlte auch ein Stück weit die Durchschlagskraft. Dennoch: Die Jungs haben gefightet.“ Nichtsdestotrotz gestand Obloch auch: „Es ist eine schwierige Phase. Wir haben uns gerade erst gefunden. Da würde ein Erfolgserlebnis natürlich mal guttun. Aber es war ein Schritt vorwärts, leider ohne Belohnung. Wir müssen uns sortieren, finden und dürfen nicht den Kopf verlieren.“

Nach zwei Niederlagen zum Start und dem Pokal-Aus bei TBS Pinneberg wird der Druck auf die Obloch-Mannen nicht gerade kleiner. Es hätte auch andersherum kommen können – aber: „Für mich ist hier null Druck“, entgegnete Bergmann auf Nachfrage. „Auch auf die Mannschaft bezogen, lasse ich das nicht zu, sondern stehe total vor und hinter den Jungs. Wer das nicht sieht, dass die Mannschaft alles versucht und macht – und stattdessen versucht, mit irgendwelchem Druck anzukommen, der bekommt es definitiv mit mir zu tun! Aber natürlich tut so ein Sieg für das eigene Ego und für das Selbstvertrauen gut.“

Autor: Dennis Kormanjos

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