Oberliga

„Du spielst jetzt nach einem Modus, den ich für sinnlos halte und der die Liga kein Stück interessanter macht“

30. September 2020, 10:59 Uhr

Mit dem Modus, wie er derzeit ist, kann sich Niendorfs Trainer Ali Farhadi nicht wirklich anfreunden. Foto: noveski.com

Es ist und bleibt ein leidiges Thema: Die Entscheidung des Hamburger Fußball-Verbandes (HFV), dass die Vereine  nach der einfach ausgespielten Hinrunde der Saison 2020/2021 ihre erreichten Punkte nicht mit in die anschließende Meister- oder Abstiegsrunde nehmen dürfen. Diverse Trainer und Funktionäre haben sich in den vergangenen Wochen bereits dazu geäußert. Matthias Nagel, der Trainer des Ahrensburger TSV (Landesliga Hansa), hat sogar eine inzwischen auf 58 teilnehmende Vereine angewachsene Initiative angeregt, die beim HFV-Spielausschuss vorsprechen möchte, um dort Lösungen anzuregen und zu diskutieren, in welcher Form man Punkte letztlich doch mitnehmen und den Modus fairer gestalten kann. Nach dem Oberliga-Spiel des Niendorfer TSV beim TuS Osdorf äußerte sich nun auch NTSV-Trainer Ali Farhadi deutlich. 

Aus seiner Sicht, so Farhadi nach dem Schlusspfiff am Blomkamp, „ist es für'n Arsch, wenn du die Punkte, die du einsammelst, nicht mitnehmen kannst. Früher wusstest du: Du spielst immer nochmal gegen deinen Gegner, das hast du jetzt nicht. Es ist nur ein Spiel und du musst zusehen, dass du es gewinnst und kannst es nur eine Woche später gegen einen anderen Gegner wieder besser machen. Dieser Charakter mit Hin- und Rückspiel – der fehlt einfach. Jetzt spielst du nach irgendeinem Modus, den ich für sinnlos halte und der die Liga kein Stück interessanter macht.“ Ein bisschen, so Farhadi weiter, „fühlt es sich nach umsonst spielen an.“

„Es ist für'n Arsch, wenn du die Punkte, die du einsammelst, nicht mitnehmen kannst“

Der 45-Jährige hofft, dass möglicherweise doch noch Änderungen in Sicht sind. Foto: noveski.com

Vielleicht, so formuliert der Niendorf-Coach seine Hoffnung, „kriegen wir da noch was bewegt und man darf den einen oder anderen Punkt doch noch mitnehmen. Ich glaube, beim HFV haben die nicht ganz zu Ende gedacht. Das merkst du auch. Aber das ist vermutlich auch dem geschuldet, dass du da ein halbes Jahr rumsitzt und nicht weißt, was du tun sollst und alle üben Druck auf den Verband aus nach dem Motto: Die müssen was machen. Da ist es dann klar, dass sie irgendwann meinen, sie haben eine mega Lösung aus dem Hut gezaubert. Man müsste sich einfach nochmal mit einer größeren Runde hinsetzen und sich richtig überlegen, ob es Sinn macht oder nicht.“

Dass es noch eine Veränderung des Modus gibt, glaubt Farhadi indes nicht. „Du kannst den Modus nicht während einer Serie ändern – das wäre ja noch schöner. Das ist schade. Vielleicht macht das Meckern deswegen jetzt umso mehr Spaß. Das merke ich auch bei anderen Kollegen. Jeder haut gerne mal einen raus. Ich hoffe, die Jungs beim Verband nehmen das nicht zu persönlich“, erklärt der NTSV-Coach und sagt mit Blick auf den weiteren Verlauf der Saison: Wir werden das durchziehen. Ich hoffe, dass alle gesund bleiben – das ist das Allerwichtigste.“ Aber auch dies ist vermutlich nur eine Wunschvorstellung, sprechen doch bereits jetzt die ersten Muskelverletzungen und Wehwehchen aufgrund der völlig durcheinander geratenen Vorbereitungszeit und -länge eine deutliche Sprache und waren von den Experten so prognostiziert worden.

„Ich weiß nicht, was ich mit 19 oder 20 Jahren gemacht hätte, wenn's nicht mehr so arg gefährlich wäre“

Auf der einen Seite kann Farhadi das Verhalten junger Spieler in Corona-Zeiten verstehen, auf der anderen mahnt aber auch er zur Vorsicht. Foto: noveski.com

„Das ist grausam. Wir machen zum Beispiel den Eindruck, dass wir überhaupt nicht trainiert haben. Was uns ausgezeichnet hat, war immer, dass wir 90 Minuten plus Nachspielzeit spielen können. Jetzt hab' ich ab der 60. Minute das Gefühl: Wow, okay – du kannst wechseln“, befindet Farhadi und erläutert: Wir haben bewusst einen großen Kader in dieser Saison und werden rotieren.“ An den einzelnen Spieltagen „gehört Glück dazu. Und, dass du nicht kurz vorm Anpfiff einen Corona-Fall hast. Das haben wir ja nun miterlebt“, konstatiert der 45-Jährige. „Beim Osdorfer Fall war ich erschrocken und habe gedacht: Wow, wie krass, wie kann das passieren? Vor allem so kurz vorm Anpfiff. Aber davor bist du nicht gefeit, dass kann dich auch zwei Stunden vorm Spiel erreichen. Weil viele damit nicht gut umgehen. Wir haben da mal auf den Tisch gehauen. Das ist zwar kein Todesurteil, weil es junge Leute sind, und auch unser Spieler hat das ganz gut verkraftet und ist wieder im Training – aber es sind Schockmomente, die du nicht haben willst“, so Farhadi. 


Schockmomente, die aus Unachtsamkeit und zu laschem Umgang mit dem Virus und den Eindämmungsvorgaben entstehen? „Ich wette, dass auch irgendein Profi, der das mit sich rumträgt, nicht nur von morgens bis abends zuhause sitzt und D-MAX oder andere Geschichten guckt. Die jungen Leute rennen rum. Man kann es ihnen auf der einen Seite nicht übel nehmen. Ich weiß nicht, was ich mit 19 oder 20 Jahren gemacht hätte, wenn es nicht mehr so arg gefährlich wäre und man es nicht merkt. Ich glaube, wir wären auch rumgezogen“, gibt Farhadi zu Protokoll, sagt aber auch: „Wir sind jetzt eben älter und vernünftiger und machen es nicht. Die Jungs sind jung, sie nehmen es unbekümmert. Ich glaube, es ist eine Mischung aus vielen Dingen, und dann fängst du halt an, fahrlässig zu werden. Das haben wir auch gemerkt. Nach unserem Fall haben wir gesagt: Wir wollen am Ball bleiben und nichts riskieren. Weil: Es wäre scheiße, wenn du am Wochenende nicht spielen kannst, weil was ist. Das ganze Thema ist suspekt und schwierig. Das oberste Gebot ist, gesund durchzkommen. Ob man dann am Ende Achter, Neunter, Zehnter oder Elfter wird, ist egal.“

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