Kommentar

Ein Transfer, der die ganze Liga aufwertet

06. Oktober 2020, 11:50 Uhr

Am gestrigen Montag absolvierte Martin Harnik (vo.) sein erstes Training als Dassendorf-Spieler, im Hintergrund sein Schwager Mattia Maggio. Foto: Bode

Am Sonntag löste er seinen Vertrag beim Erstligisten SV Werder Bremen auf, danach unterschrieb er bei der TuS Dassendorf, die den Wechsel von Martin Harnik an den Wendelweg eigentlich erst am Tag nach Ablauf der Wechselfrist bekanntgeben wollte. Nun kam es anders und seit gestern ist klar, dass der 33-Jährige künftig nicht mehr im Profi-Fußball, sondern in Hamburrgs höchster Amateur-Spielklasse auflaufen wird. Ebenso klar war: Der Wechsel Harniks nach Dassendorf würde ein geteiltes Echo hervorrufen. Wir kommentieren die Verpflichtung des Stürmers durch Hamburgs Abonnement-Meister.

Kaum hatte sich die Nachricht am gestrigen Nachmittag durch das übereilte Handeln eines Mediums entgegen einer zuvor getroffenen Absprache schneller, als die TuS es vorgehabt hatte, verbreitet, da zog der Harnik-Transfer die ersten Stimmen und Reaktionen nach sich. Die einen waren hellauf begeistert, dass ein Mann eines solchen Formats künftig in der Oberliga seine sportliche Heimat haben würde. Und dann gab es da natürlich, wie sollte es anders sein, auch noch die vehementen Kritiker der TuS Dassendorf und eben dieses Wechsels, die ihr Unverständnis ausdrückten: Was will ein Verein, der so oder so nicht in die „Regio“ aufsteigen will mit einem weiteren Ex-Profi in seinen Reihen? Und was will ein Ex-Profi, bei einem Verein, der eh nicht aufsteigen will? Was soll er ohne Perspektive, quasi!?

Dassendorf statt Profifußball – es ist in diesem Fall eine logische Entscheidung

Am Wendelweg hat der 33-Jährige einen Vertrag bis zum Sommer 2023 unterschrieben. Foto: Bode

Klar, man kann ganz losgelöst von Harnik die Frage in den Raum stellen, ob ein ehemaliger Profi nicht vielleicht auch ganz genau auf die sportlichen Ziele seines neuen Vereins gucken sollte. Schließlich sollte es doch das Ziel eines jeden Sportlers sein, den größtmöglichen Erfolg anzustreben. Und der hieße im Falle des TuS Dassendorf nun einmal Regionalliga-Aufstieg, wenn mann denn x-mal Hamburger Meister wird. Nun ist aber hinlänglich bekannt, dass für einen solchen Sprung auch gewisse infrastrukturelle Begebenheiten gegeben sein müssen – und das sind sie am Wendelweg nun einmal nicht. In Sachen Harnik aber ist dieser Gedanke so oder so zu kurz gegriffen.

Wie schon beim Wechsel von Maximilian Ahlschwede zur TuS in diesem Sommer, stehen andere Dinge im Vordergrund als Geld und/oder Aufstieg – ob man das als Außenstehender nun glauben will oder nicht. „Ahli“ hat eine familiäre Bindung nach Hamburg, arbeitet in der Hansestadt – wo also wäre es verwerflich gewesen, in Dassendorf anzuheuern, wenn sich diese Chance bietet und Verein und Spieler sich einigen können? In Sachen Harnik ist die Logik des Wechsels noch deutlicher: Mit Mattia Maggio spielt sein Schwager in Dassendorf, mit Jean-Pierre Richter wird künftig ein ehemaliger Teamkollege aus gemeinsamen Jugendzeiten beim SC Vier- und Marschlande sein Trainer sein, zu dem der Kontakt über all die Jahre von Harniks Profi-Karriere nie abgerissen ist. Und zu guter Letzt: Der Ex-HSV und Ex-Werder-Angreifer baut in unmittelbarer Nähe (s)ein Haus.

Dass Harnik Oberliga spielen will, spricht für den Wert, den die Spielklasse inzwischen hat

Bei der TuS trifft Harnik auf einen alten Bekannten: Mit Trainer Jean-Pierre Richter (li.) kickte der beim SC Vier- und Marschlande zusammen. Foto: Bode

Es ist so gesehen fraglos nichts anderes als der Prozess des Sesshaftwerdens nach dem Abschluss einer Karriere als Profi. Wenn man dann eben einen Verein vor der Haustür hat – warum nicht dorthin wechseln? Vor allem, wenn es eben jene diversen Anknüpfungspunkte gibt. Dass dieser Verein dann ausgerechnet der Hamburger Serienmeister ist, der gerne mal den einen oder anderen im bezahlten Fußball aktiv gewesenen Kicker holt – es ist eben einfach so. Hätte Harnik beispielsweise ein Haus in Barmbek gebaut, wäre „Jonny“ Richter BU-Coach und Mattia Maggio würde im Sturm des Clubs von der Dieselstraße spielen – wäre der Widerspruch der Kritiker dann genau so vehement gewesen? Vielleicht nicht. Die TuS taugt aufgrund ihres Erfolgs und der Tatsache, dass viele den Verein eben nicht als Hamburger Club, sondern aufgrund seiner geografischen Lage als einen sehen, der doch bitte bloß auch im Spielbetrieb in Schleswig-Holstein aktiv sein solle, hervorragend zum Feindbild. Wie sagt man so schön: Neid muss man sich eben erarbeiten...

Dabei sollte man beim jüngsten Transfer der TuS – egal, wie man denn nun auch zum Club vom Wendelweg stehen mag – eines nicht vergessen: Der Transfer eines ehemaligen Bundesligaspielers zu einem Oberligisten spricht für sich. Die Oberliga ist für einen Kicker vom Schlage eines Martin Harnik so interessant, dass er sie – logischerweise spielen auch die familiären Aspekte eine Rolle – einem Engagement in irgendeiner anderen Liga vorzieht. Und selbst, wenn die Bindung zu „Dasse“ nicht da gewesen wäre: Wie leicht wäre es für Harnik gewesen, sich vielleicht irgendwo anders im Profi-Bereich nochmal an einen Verein zu binden? Wie leicht wäre es gewesen, auch wenn man dort wenig spielt, das Konto noch ein bisschen voller zu machen? Dass Harnik genau dies nicht getan hat, spricht für seine Bodenständigkeit. Dass er in der Oberliga Fußball spielen möchte, spricht für den Wert den diese Spielklasse inzwischen hat. Kurzum: Es ist ein Transfer, der die ganze Liga aufwertet – und für die Konkurrenz dann eben eine zusätzliche Motivation, sich gegen Harnik & Co noch mehr anzustrengen als bisher eh schon. Denn Siege gegen personell so gut bestückte Gegner schmecken am Ende doch noch ein bisschen besser... 


Jan Knötzsch

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