Landesliga 01

Ekstase am Exerzierplatz: Später Schmidt-Schock für den Spitzenreiter – aber: „Hier steht der Tabellenführer!“

07. Mai 2022, 01:06 Uhr

Falk Schmidt (Mi.) schreit seine Freude heraus! Der Mittelfeldakteur sorgt mit seinem späten "Lucky Punch" für Ekstase am Exerzierplatz. Foto: Christian Küch

Wie begossene Pudel schlichen die Spieler des Niendorfer TSV II zum turnusmäßigen Mannschaftskreis nach dem Spiel. Während ein Teil stand, sank der eine oder andere Protagonist niedergeschlagen zu Boden. „Hier steht der Tabellenführer. Also stellt euch hin!“, forderte Jan Ramelow seine Akteure dazu auf, bereits unmittelbar nach der bitteren Niederlage im Gipfeltreffen bei TuRa Harksheide (alle Highlights im LIVE-Ticker) Haltung zu zeigen. „Das tut unfassbar weh!“, machte der Übungsleiter keinen Hehl aus seiner Gefühlswelt – forderte aber zugleich: „Arschbacken zusammenkneifen und Kopf hoch! Wir haben heute verloren und keinen Platz mehr für Fehler. Wir brauchen in den beiden letzten Spielen alles, was wir haben – stellt euch darauf ein!“

Jubel bei den Gästen nach dem Führungstor durch Mohammed Yari (re.). Foto: Christian Küch

Am Ende sorgte Falk Schmidt 120 Sekunden für Ultimo für Ekstase am Exerzierplatz! Leon Cammann legte eine Ecke per Kopf eher unfreiwillig in den Rückraum ab, wo Schmidt angerauscht kam und die Kugel mit voller Überzeugung per Linksschuss in das linke Toreck setzte! Ein Umstand, der auf der einen Seite für Jubelstürme sorgte, auf der anderen für große Ernüchterung. „Wir waren die ganze Saison über sehr ehrlich zueinander. Wenn in der 88. Spielminute ein Spieler am Sechzehner in Manndeckung steht, dieser Spieler dann aber beim Torabschluss im Strafraum sechs Meter um sich herum keinen Gegenspieler hat, dann ist das am Ende ungenügend“, sprach Ramelow Klartext – und meinte damit Marco Schroeder, der seinen Gegenspieler einfach laufen ließ.

"Glaube nicht, dass sich Niendorf das noch nehmen lässt"

Maximilian Vollstädt (re.) verwandelt vom Punkt ganz sicher zum 1:1-Ausgleich. Foto: Christian Küch

Durch den späten „Lucky Punch“ hat die Sachsenweg-U23 vor den beiden letzten Saisonspielen „nur“ noch zwei Punkte Vorsprung auf TuRa. Sollte HR seine beiden Nachholpartien ebenfalls siegreich gestalten, könnte man mit dem derzeit ärgsten NTSV II-Verfolger gleichziehen. Dennoch gab Harksheide-Coach Jörg Schwarzer nach dem umjubelten Sieg seiner Mannen zu Protokoll: „Am Ende glaube ich nicht, dass sich Niendorf das noch nehmen lässt. Sie müssen nur noch durchkommen und hätten es dann auch verdient. Für uns wäre es wichtig, ein Stück weit dran zu bleiben und nicht ewig weit vom ersten Tabellenplatz weg zu sein.“ Understatement?

Fakt ist, dass TuRa im Vorfeld nicht – wie unzählige andere Vereine – den „Corona-Joker“ zog. Und dass, obwohl es möglich gewesen wäre. Denn: „Wir hätten das Spiel beim Hamburger Fußball-Verband auch absagen können“, verriet Schwarzer, der auf seinen Top-Torjäger Yannick Fischer und Morten Schildt verzichten musste. Beide wurden vom Virus erwischt. Doch nicht nur das Duo fehlte den Hausherren. Mit Ephrahim Asante, dem von der Tribüne aus lautstarken Motivator Leon Schulz, Jan-Philip Hartmann und Nassim Saleh fielen weitere Leistungsträger aus. Umso bemerkenswerter, dass sich die Mannen vom Exerzierplatz dem sportlichen Wettkampf stellten. Chapeau! „Wir hatten heute einen großen Aderlass. Es ist von der Qualität das letzte Aufgebot gewesen. Und das hat nichts mit der Qualität der einzelnen Spieler zu tun, sondern teilweise mit der Qualität der Physis. Es waren Spieler dabei, die wochenlang nicht trainiert haben“, erklärte Schwarzer, dessen Equipe Comeback-Qualitäten bewies.

"Wenn man auf der einen Seite so einen Elfmeter gibt..."

Heißes Duell: Collins Baafi (li.) und Lasse Schulz im Kampf um den Ball. Foto: Christian Küch

Nachdem Nikolas Steinbeck mit einer einfachen Finte Hyugo Tosaka spielend stehen ließ und Mohammed Yari das Führungstor auf dem Silbertablett servierte (20.), hatten die Gastgeber in der 28. Minute wohl etwas Glück, als Referee Johannes Mayer-Lindenberg (HTB) nach einem vermeintlichen Pressschlag zwischen Leonard Mai und Ammat Janha auf den Punkt zeigte. „Leo hat und hätte den Ball wohl nicht mehr unter Kontrolle bekommen. Aber er sagt, dass er ganz klar getroffen wurde“, so Schwarzer zur umstrittenen Szene. Maximilian Vollstädt blieb ganz cool und verwandelte sicher zum 1:1!

Auf der anderen Seite blieb der Pfiff hingegen zweimal aus. Erst ging Leon Cammann gegen Nikolas Aslanidis ziemlich rustikal zu Werke (23.), dann wurde Collins Baafi von Tosaka am Trikot zu Boden gezerrt. „In der Halbzeitpause habe ich gesagt, dass wir jetzt mal Glück hatten“, gestand Schwarzer. „Denn gegen HR war das schon brutal. Da haben wir einen Elfmeter gegen uns bekommen, den man niemals pfeifen darf. Das hat sehr wehgetan.“ Sein Gegenüber befand derweil: „Wenn man auf der einen Seite so einen Elfmeter gibt, muss man auf der anderen vielleicht sogar zwei geben. Die haben wir aber nicht bekommen. Und am Ende des Tages haben wir noch zwei, drei gute Chancen, die du in so einem Spiel dann auch machen musst. Ich glaube, wenn wir hier 2:1 in Führung gehen, dann schlagen wir TuRa Harksheide“, mutmaßte Ramelow.

"Haben noch zwei Spiele vor der Brust und müssen beide gewinnen"

Falk Schmidt (li.) avancierte kurz vor Ultimo zum Matchwinner. Bis zu diesem Zeitpunkt trat er kaum in Aktion. Foto: Christian Küch

Vor allem Evailton Fernandes, der in jener Situation viel zu eigensinnig agierte und nur den Außenpfosten traf (69.), hätte das Ruder zugunsten des Tabellenführers rumreißen können. Stattdessen setzte Schmidt dem Spiel aus TuRa-Sicht die Sahnehaube auf! „Heute war ein besonderes Spiel. Da braucht man eine besondere Atmosphäre und Stimmung. Damit waren wir in der ersten Halbzeit nicht ganz einverstanden. Obwohl wir über 90 Minuten die Mannschaft waren, die mehr versucht hat, Fußball zu spielen“, so Ramelow. „Ein 1:1 wäre ja völlig okay gewesen. So haben wir jetzt noch zwei Spiele vor der Brust, müssen beide gewinnen – also versuchen wir’s“, richtete er den Blick bereits nach vorne.

"Haben nicht viel Zeit, um es zu doll wehtun zu lassen"

Falk Schmidt (re.) hat zu viel Platz, weil ihn Marco Schroeder aus den Augen verliert - und drückt trocken ab... Foto: Christian Küch

Viel Zeit bleibt nicht. „Das tut weh, ja. Aber wir haben keine Zeit, um es zu doll wehtun zu lassen. Wir spielen am Dienstag und am Donnerstag schon wieder. Jetzt haben die Jungs erstmal drei Tage Ruhe, dürfen sich noch ein bisschen ärgern und dann haben wir schon die nächste Aufgabe, was vielleicht ganz gut ist. Wir haben ein großes Ziel – das ist klar formuliert innerhalb der Mannschaft. Wir haben alle Möglichkeiten in der eigenen Hand und werden alles dafür tun, die Spiele auch mit der richtigen Bereitschaft anzugehen. Und dann bin ich mir immer noch sicher, dass wir es am Ende auch hinkriegen werden“, bleibt Ramelow äußerst optimistisch.

"Drei Spiele in sechs Tagen sind sicherlich nicht optimal"

... und sorgte mit seinem Strahl für kollektiven Jubel bei TuRa Harksheide. Foto: Christian Küch

Trotz des Mammutprogramms in den nächsten Tagen. „Jetzt muss ich ein bisschen aufpassen...“, suchte er nach den richtigen Worten. „Wenn Spiele wegen Corona ausfallen, dann müssen sie halt irgendwann nachgeholt werden. Drei Spiele in sechs Tagen sind sicherlich nicht optimal. Nichtsdestotrotz sind die Spiele so angesetzt, wir werden es nicht ändern können und auch nicht darüber reden. Die Jungs sind fit genug und kriegen das hin!“

Währenddessen bilanzierte Schwarzer: „Ich fand schon, dass wir in der zweiten Halbzeit die spielbestimmende Mannschaft waren und Niendorf sich auf die Konter mit den schnellen Spielern fokussiert hat. Einmal haben sie uns damit schon wehgetan mit dem Pfostenschuss, aber ansonsten haben wir es schon versucht.“ Trotz der fehlenden Alternativen. „Man hat in den zentralen Positionen gesehen, dass die Kraft nachgelassen hat. Wir haben überhaupt keine Tiefe mehr drin gehabt. Aber die Jungs haben alles in die Waagschale geworfen“, freute sich Schwarzer über den Coup gegen den Primus.

Autor: Dennis Kormanjos

Kommentieren