Regionalliga Nord

Ex-AFC-Kapitän Schultz: „Ich bereue den Schritt auf keinen Fall“

14. November 2020, 11:19 Uhr

Vier Jahre lang kickte Marco Schultz (re.) für den Altonaer Fussball-Club. Seit diesem Sommer ist er in Österreich für den SC Imst aktiv. Foto: KBS-Picture.de

Er spielte in der Jugend unter anderem für den Hamburger SV und FC St. Pauli, war für den FC Eintracht Norderstedt aktiv – und kickte zuletzt vier Jahre lang für Altona 93. An der Adolf-Jäger-Kampfbahn hinterließ Marco Schultz nicht nur einen bleibenden Eindruck, sondern nach seinem Abgang im Sommer auch große Fußstapfen. Denn: Schultz führte den AFC zuletzt nicht nur als Kapitän aufs Feld, sondern schaffte mit den Mannen von der Adolf-Jäger-Kampfbahn während seiner Zeit zweimal den Aufstieg in die Regionalliga, war zweimal bester Torschütze und mit seinen 20 Treffern in der Saison 2018/19 maßgeblich an der ersten Altonaer Meisterschaft seit 69 (!) Jahren beteiligt. Im Sommer entschloss sich der 28-Jährige jedoch dazu, ein ganz neues Kapitel aufzuschlagen, nach Österreich „auszuwandern“ und beim SC Imst in der Regionalliga Tirol ein neues sportliches Abenteuer in Angriff zu nehmen. Wir haben mit Schultz über seine bisherigen Erfahrungen, aber natürlich auch über den AFC gesprochen…

FussiFreunde: Wie hast du dich in der neuen Heimat eingelebt?

In der Saison 2018/19 errang Schultz (li.) mit dem AFC die erste Hamburger Meisterschaft nach zuvor 69-jähriger Durststrecke. Foto: KBS-Picture.de

Marco Schultz: „Bisher war das alles auf jeden Fall sehr aufregend und unkompliziert. Wir haben gleich eine schöne Wohnung gefunden und konnten so gut starten. Hinzu kam, dass ich die Möglichkeit gehabt habe, meinen Job aus Hamburg hier erstmal aus dem Homeoffice weiterzumachen. So hatten wir auch die Zeit, die Gegend kennenzulernen und uns zu akklimatisieren. Fußballerisch war das alles ebenfalls sehr aufregend und vor allem neu, weil die österreichische Spielweise eine ganz andere als in Deutschland ist (lacht). Da sind ein paar Welten aufeinander getroffen – aber das wollte ich ja. Ich wollte etwas Neues erleben. Das hat bisher gut geklappt – auch wenn ich mich anfangs dran gewöhnen musste. Das hat man mir auch in den ersten Spielen angemerkt, dass die Laufwege noch nicht so da waren. Aber das soll nicht heißen, dass das Niveau schlechter ist. Es herrscht hier einfach eine andere Spielkultur.“

Was heißt anders? Inwiefern unterscheidet sich der österreichische vom deutschen Fußball?

Schultz: „Er ist nicht ganz so taktisch geprägt, dafür sehr mannorientiert. In Deutschland spielt man ja sowohl mann- als auch raumorientiert, mit Pressing oder auch nicht. Hier ist es auf jeden Fall nur mannorientiert. Das ist sehr spannend (lacht). Dadurch kommt es auch zu Spielen und Ergebnissen, wie sie in Deutschland nicht allzu oft vorkommen (lacht).“

Du hast jedes Spiel für den neuen Verein gemacht. Inwieweit spielst du dieselbe Rolle oder auf der gleichen Position wie bei Altona?

Im Aufstiegsspiel beim Bremer SV erzielte "Captain" Schultz (re.) beim 3:2-Sieg seines AFC einen Doppelpack. Foto: KBS-Picture.de

Schultz: „Es stimmt, dass ich bisher alle Spiele gespielt habe. Am Anfang eher offensiver – also als Zehner oder auch als hängende Spitze. Ich bin da aber nicht so zum Zug gekommen, wie ich mir das auch selbst vorgestellt habe. Der Coach hat dann auch ziemlich schnell gemerkt, dass ich eine Position weiter hinten – sprich auf der Sechs oder Acht – besser klarkomme. Auf der Position, die ich auch bei Altona zuletzt hauptsächlich gespielt habe. Und ab da lief es dann auch deutlich besser.“

Heißt, dass das auch deine Lieblingsposition ist und du sie gerne auch schon von Anfang an bekleidet hättest?

Schultz: „Ja, genau. Es wäre schon am Anfang gut gewesen. Aber klar, man konnte so wieder etwas Neues ausprobieren und ich bin da auch für alles offen. Von daher war das nicht so schlimm.“

Du hast vorhin schon ein bisschen was über die unterschiedliche Spielweise im Vergleich zum deutschen Fußball gesagt. Wie ist denn das generelle Niveau in der Liga – vergleichbar mit der Regionalliga Nord?

Auch beim 1:1 gegen Heide war Schultz (re.) erfolgreich - der Aufstieg in die Regionalliga Nord war perfekt. Foto: KBS-Picture.de

Schultz: „Das ist wirklich schwierig zu sagen. Fußballerisch sind die Jungs gut, durchaus ebenbürtig zur Regionalliga. Dann sind wir aber auch wieder beim anderen Punkt, dem taktischen Verständnis und der allgemeinen fußballerischen Ausbildung. Da kommt es dann nicht ganz an die Regionalliga heran. Wenn man als Beispiel gegen Wolfsburg II spielt, dann merkt man schon, dass das nochmal eine ganz andere Kategorie ist.“

Wie ist denn dein Standing in der Mannschaft und hast du dir in der kurzen Zeit schon eine Führungsrolle erarbeitet und eingenommen – oder hältst du dich aufgrund deiner „Neuheit“ im Land und in der Mannschaft noch ein Stück weit zurück?

Der einmal mehr umjubelte Matchwinner Marco Schultz (li.) verpasst dem damaligen Trainer Berkan Algan die obligatorische und alkoholhaltige Dusche. Foto: KBS-Picture.de

Schultz: „Ich bin jemand, der erstmal reinkommen möchte und das Ganze anfangs noch beobachtet. Aber in den letzten acht, neun Spielen hat man dann schon gemerkt, dass ich das Zepter etwas mehr in die Hand nehmen und die Jungs so gut es geht unterstützen möchte – auch aufgrund der Position und der Rolle, die ich nun inne habe und der bei Altona gleicht. Auch wenn ich hier nicht der Kapitän bin.“

Du selbst hast in 15 Spielen vier Tore erzielt. Zufrieden mit der Ausbeute?

Schultz: „Es kommen noch ein paar Vorlagen dazu (lacht). Die letzten Spiele habe ich alleiniger Sechser gespielt. Da durfte ich dann auch nicht mehr ganz so weit nach vorne (lacht). Das soll aber keine Entschuldigung sein. Ich hätte auch gerne noch das eine oder andere Tor mehr gemacht, aber das kann ja noch kommen (lacht).“

Nun ist das Thema Corona ja allgegenwärtig. Wie nimmst du das in Österreich wahr und wie verhält es sich damit bei euch im Verein?

Schultz: „Aktuell herrscht Stillstand wie in Deutschland. Da geht nichts. Zum Glück haben wir schon relativ viele Spiele gemacht, so dass man sich jetzt in der inoffiziellen Winterpause befindet. So kann man sehen, wie es im Frühjahr weitergehen könnte. Aber vor der Pause lief es wirklich gut. Wir hatten lange die Beschränkung von 750 Zuschauern, die letzten zwei, drei Wochen wurde es dann auf knapp 250 Besucher pro Spiel reduziert. Aber ansonsten hatte man das ganz gut im Griff und in der Kabine war es immer noch den Umständen entsprechend spaßig.“

Thema Zuschauer: Aus Altona-Zeiten bist du da ja durchaus eine Hausnummer gewohnt. Wie viele Besucher habt ihr bei Imst im Schnitt?

Sieben Tore in 19 Spielen erzielte Schultz (Mi.) in der vergangenen Abbruch-Saison für den AFC in der Regio Nord. Foto: KBS-Picture.de

Schultz: „Bei den meisten Heimspielen waren wirklich auch die 750 Zuschauer, die kommen durften, da. Beim letzten Spiel gegen Telfs (3:2, Anm. d. Red.), das ist hier ein Derby, wären auch über 1000 gekommen. Leider durften nur 249 Zuschauer da sein. Aber ich bin da auch selbst etwas überrascht, dass diese Grenze von 750 Zuschauern zu Beginn meistens erreicht wurde. Das ist allerdings auch der sportlichen Situation geschuldet. Wenn man oben steht und attraktiven Fußball spielt, weil viele Tore fallen, dann kommen ganz automatisch mehr Zuschauer – zumal aufgrund der längeren Pause der Hunger und die Lust auf Fußball groß sind.“

Wie zufrieden bist du denn mit dem bisherigen Abschneiden und war es auch das Ziel, ganz oben anzugreifen und um den Aufstieg mitzuspielen?

Beim 2:2 in Heide markierte Schultz (li.) unmittelbar vor Schluss den Ausgleichstreffer vom Punkt. Foto: KBS-Picture.de

Schultz: „Für mich persönlich war der erste oder zweite Platz das Ziel gewesen. Damit würde man sich im Frühjahr für die Aufstiegsrunde zur Zweiten Liga qualifizieren. Vereinsintern war das alles jedoch etwas reduzierter. Denn da die letzte Saison annulliert wurde, ist es für den Verein sozusagen die erste Saison nach dem Aufstieg. Deswegen hat man da erstmal ein bisschen kleinere Brötchen gebacken. Aber ich muss sagen, von dem Konzept und der Strategie, wie die Verantwortlichen an die Sache herangehen, ist es bei denen auch im Hinterkopf, so bald wie möglich nach oben zu kommen.“

Bedeutet aber auch, dass der Aufstieg in diesem Jahr kein Muss ist?

Schultz: „Nein, ein Muss auf gar keinen Fall. Aber wenn die Tür offen sein sollte, glaube ich, wäre die Bereitschaft in jedem Fall da.“

Wie fällt denn deine ganz generelle Zwischenbilanz aus: Bereust du den Schritt, Deutschland den Rücken gekehrt zu haben oder würdest du diese Entscheidung jederzeit wieder so treffen?

Mit ordentlich Schmackes: Vier Jahre lang schnürte Schultz (li.) seine Buffer an der "AJK". Foto: KBS-Picture.de

Schultz: „Zu sagen, ich bin froh, es gemacht zu haben, wäre der falsche Ausdruck. Bisher bereue ich es auf gar keinen Fall. Es sind so viele neue Eindrücke und ich wollte diese einfach mal haben als ‚ausländischer‘ Spieler in einem Verein und einer anderen Region. Gut, jetzt ist die Sprache vielleicht gleich – aber das denkt man auch nur (lacht). Am Anfang und auch jetzt muss man schon viel nachfragen, weil die deutschen Wörter so sehr durch den Fleischwolf gedreht werden, dass man gar nichts mehr versteht (lacht). Von daher ist es mit der Sprache schon auch ein Aspekt. Aber insgesamt ist es einfach ein ganz anderer und neuer Blickwinkel – und den finde ich super. Von daher bereue ich es auch nicht und kann sagen: Es war die richtige Entscheidung.“

Ist dein sportliches und privates Abenteuer in Österreich denn zeitlich begrenzt? Wie sieht da dein Plan aus?

Marco Schultz (Mi.) im Duell mit Lukas Pinckert vom HSV II. Foto: KBS-Picture.de

Schultz: „Ich habe einen Ein-Jahres-Vertrag unterschrieben und im Frühjahr wird man dann sehen, wie es weitergeht. Aber was uns Corona derzeit ja lehrt, ist auch die Tatsache, dass die Planungsmöglichkeiten gen null gehen. Von daher muss man mal schauen, wie sich das alles verhält. Erstmal heißt es: Durchziehen und weitermachen.“

Natürlich müssen wir auch auf Altona 93 zu sprechen kommen. Inwieweit verfolgst du das aktuelle Geschehen bei deinem Ex-Club noch?

Schultz: „Ich verfolge das auf jeden Fall noch und finde es sehr interessant. Ich habe dort vier sehr, sehr schöne Jahre verbracht und noch immer mit dem einen oder anderen Kontakt. Von daher interessiert es mich und verfolge ich auch jeden Spieltag und schaue auch mal rein, wenn die Spiele live übertragen werden. Da wir sehr viele schöne Momente erlebt haben, pocht das Herz noch für den Verein.“

Du sagtest, dass du auch noch den einen oder anderen Kontakt pflegst. Aber so viele Spieler sind ja gar nicht mehr da…

Schultz: „Das ist richtig. Es gab wieder einen sehr großen Umbruch. Aber es gibt durchaus noch Leute aus dem Verein oder auch Fans, zu denen man noch Kontakt hat. Deshalb interessiert es mich natürlich sehr, wie sich das entwickelt. Ich hoffe, dass Altona noch die Kurve in der Liga kratzt. Andererseits könnte man, so wie der Modus aktuell ist, auch in einer möglichen Abstiegsrunde noch alles rumreißen – wenn es denn Corona-bedingt dazu kommt.“

Wie sehr hätte es dich nochmal gereizt, unter Leuten wie Andreas Bergmann und Richard Golz, die jahrelang im Profibereich tätig waren, zu spielen?

Gegen den SSV Jeddeloh machte Schultz (li.) sein letztes Ligaspiel für den AFC und traf zum wichtigen 1:0. Foto: KBS-Picture.de

Schultz: „Das ist eine gute Frage. Denn wer mich kennt, der weiß, dass ich absolut professionell eingestellt bin. Ich hätte gerne nochmal mit Leuten aus diesem Geschäft zusammengearbeitet. Vielleicht ergibt sich ja irgendwann noch einmal die Chance, denn so alt bin ich ja auch noch nicht. Aber im Endeffekt war der Gedanke an das Neue und Unbekannte im Ausland einfach größer – und auch das Bestreben danach. Deswegen ist es so gekommen, wie es jetzt gekommen ist.“

Da hört man aber auch raus, dass du dir schon vorstellen könntest, eines Tages zu Altona zurückzukehren…

Schultz: „Wenn die Möglichkeit besteht, muss man sehen, wie es dann ist. Aber rein theoretisch, ja.“

Du hoffst, dass Altona die Klasse hält. Wie sehr machst du deinen Verbleib in Österreich von einem möglichen Aufstieg abhängig?

Trotz seines Treffers kassierten Schultz (Mi.) und sein AFC am Ende eine 1:4-Packung. Foto: KBS-Picture.de

Schultz: „Davon würde ich es erstmal nicht abhängig machen. Also, ich sage nicht: Wenn wir aufsteigen, dann bleibe ich hier. Genauso wenig würde ich andersherum sagen: Wenn wir nicht aufsteigen, gehe ich zu 100 Prozent. So ist es auf keinen Fall. Aktuell würde ich das offen lassen. Wir waren auf einem guten Weg, leider kam dann die Unterbrechung. Aber die Ergebnisse geben uns ja auch das Recht, da oben mitmischen zu wollen.“

Autor: Dennis Kormanjos

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