Oberliga

Gekitzelt, getriezt, gefordert - und an das „Wir“ appelliert: Vicky schießt sich gegen „Aufbaugegner“ Niendorf den Frust von der Seele!

19. November 2022, 01:56 Uhr

Die Mannschaft des SC Victoria feiert den 5:2-Erfolg gegen Niendorf im ersten Spiel nach dem Rücktritt von Sören Titze. Foto: Kormanjos

„Unsere heute verantwortlichen Trainer“, begrüßte Stadionsprecher Peter Kraft das neue Interims-Duo an der Hoheluft. Im Heimspiel gegen den Niendorfer TSV (alle Highlights im LIVE-Ticker) nahmen Nico Sorgenfrey (Liga-Manager) und Guido Weber (Technischer Direktor) - nach dem überraschenden Rücktritt von Sören Titze unter der Woche - auf der Bank des SC Victoria Hamburg Platz. Mit Erfolg! Gegen einen in den ersten 45 Minuten erschreckend schwachen Gegner vom Sachsenweg, der seine Durststrecke fortsetzte, sammelte Vicky verloren gegangenes Selbstvertrauen zurück. Und wie!

Luca Ernst glänzte für Vicky als Doppeltorschütze, erzielte das wichtige 1:0 und das 3:1 unmittelbar nach dem Anschlusstreffer. Foto: noveski.com

„Das kann ich ausschließen“, entgegnete Sorgenfrey mit einem ganz breiten Grinsen im Gesicht auf die Frage, ob das die neue Dauerlösung wäre. „Wir haben das jetzt einmal aus der Not heraus geboren gemacht, weil das am Mittwoch alles sehr überraschend kam und wir die Truppe auch nicht im Stich lassen wollten. Deshalb haben wir uns der Aufgabe gestellt und es hat Spaß gemacht, auch wenn die letzten zwei Tage sehr intensiv waren. Aber man hat ja gesehen: Die Jungs können alle Fußball spielen. Wir haben sie gekitzelt - und die Jungs haben es gut umgesetzt“, strahlte der in Doppelfunktion tätige Liga-Manager.

"Das sah nicht nach Chaos aus"

Und selbst beim Gegner musste man konstatieren: „Ich sage es mal so: Da hat eine Mannschaft gespielt, die ihre Geschlossenheit wahrscheinlich wiedergefunden hat, gemerkt hat, wie viel Spaß Fußball eigentlich macht und wie schön es an der Hoheluft ist - gegen eine Mannschaft, die in den letzten Wochen ganz viel aus der Hand gegeben hat. Ich weiß nicht, warum das so ist“, haderte Ali Farhadi, ehe er anfügte: „Ich kann Vicky nur beglückwünschen. Die hatten viel Chaos unter der Woche. Aber das sah hier nicht nach Chaos aus. Da hat eine Mannschaft gespielt, die Blut geleckt hat, die Bock hat und sich das Selbstvertrauen zurückerkämpft hat. Hut ab vor Nico und Guido. Beide haben wohl die richtigen Hebel gedrückt und Worte gefunden. Das Ergebnis ist auf jeden Fall brutal!“

Doppelschlag ebnet den Weg

Ein Spiel, ein Sieg - 100-prozentige Ausbeute: Aber Interimstrainer Nico Sorgenfrey kündigte an, schon bald eine neue Lösung auf der Bank des SCV zu präsentieren. Foto: KBS-Picture.de

Von Minute zu Minute wuchs das Selbstverständnis und vor allem auch das Selbstbewusstsein. Nicht zuletzt dank eines Gegners, der nur zuschaute und komplett schläfrig wirkte - kurzum: Ein trostloser und erschütternder Auftritt des NTSV! Aber: Der SCV wusste das auch zu nutzen. Per Doppelschlag bogen die Hausherren Mitte der ersten Halbzeit auf die Siegerstraße ab. Erst schloss Luca Ernst einen perfekt vorgetragenen Konter über Vincent Boock und Nick Scharkowski zur Führung ab (23.), ehe der bärenstarke Filip Müller eine Flanke des langzeitverletzten Rückkehrers Julian Schmid herrlich per Kopfball-Bogenlampe in den rechten Giebel beförderte (27.)!

Grubba glänzend, Vicky bringt "Sachsenwegler" zurück

Mit dem 0:2 zur Pause waren die Farhadi-Mannen noch bestens bedient und konnten sich bei ihrem Torsteher Tobias Grubba bedanken, der nach etwas mehr als einer halben Stunde eine Dreifach-Chance in herausragender Manier vereitelte: Sowohl Müller als auch Dennis Bergmann sowie Lesley Karschau per Kopf konnten Grubba nicht bezwingen (32.).

Aus Niendorfer Sicht konnte es nicht schlechter werden. Wurde es zunächst auch nicht, weil Vicky ordentlich mithalf. Einen von Dennis Theißen unnötigerweise verursachten Freistoß von Lennard Speck fälschte Yannick Siemsen äußerst unglücklich in die eigenen Maschen ab (48.). Der ruhende Ball schien komplett harmlos, fand aber dennoch den Weg ins Eckige. Der Beginn einer Aufholjagd? Mitnichten! Keine 120 Sekunden später veredelte Ernst ein Bergmann-Zuspiel zum 3:1 (50.)!

Lohmann überragt, Vicky eiskalt

Niendorf-Coach Ali Farhadi wurde nach der Niederlage sehr deutlich und befand, dass sein Team "auch für Meiendorf ein guter Aufbaugegner gewesen" wäre. Foto: KBS-Picture.de

Zweimal hätten die „Sachsenwegler“ zurückschlagen können, aber Dennis Lohmann präsentierte sich wahrhaftig in WM-Form. Der Schlussmann des SCV parierte einen von Speck unheimlich scharf und platziert getretenen Handelfmeter in schier unglaublicher Manier (62.) und war auch gegen einen Kopfball von Tanju Gülüm aus kürzester Distanz herausragend zur Stelle (70.)! Der Rest war ein Schaulaufen der nun in Phasen regelrecht vor Spielfreude strotzenden Victorianer. Vincent Boock verwandelte einen von Ammat Janha ziemlich plump verursachten Strafstoß an Scharkowski äußerst sicher zum 4:1 (66.), ehe Bergmann die ganze Konfusion, Passivität und Naivität der Gäste bestrafte, nach einem langen Ball zunächst Tim Philipp Krüger, der sich verschätzte, und dann auch noch Fynn Hunke regelrecht wie Schuljungen stehen ließ - 5:1 (81.)!

"Wir könnten gerade ein Aufbaugegner für Meiendorf sein"

Inzwischen befreit und wie entfesselnd auftrumpfende „Hoheluftler“ düpierten einen Kontrahenten, der mit der letzten Aktion des Spiels durch Gülüms Lupfer nur noch Ergebniskosmetik betreiben konnte (90. +1). „Wenn dann auch noch die Alten anfangen, Fehler zu machen, dann tut’s weh“, so Farhadi, dessen Fazit wie folgt ausfiel: „Unsere Chancen gehen nicht rein. Auf der anderen Seite macht Vicky fast aus jeder Chance ein Tor. Das war brutal! Diese Geilheit, diese Effizienz und Effektivität sind uns abhanden gekommen. Wir brauchen sehr viel, um ein Tor zu schießen. Und es ist sehr einfach, gegen uns ein Tor zu schießen.“ Anschließend befand er: „Ohne das jetzt böse oder despektierlich zu meinen: Aber wir könnten gerade ein Aufbaugegner für Meiendorf sein. Selbst die könnten und würden momentan gegen uns Tore schießen, weil wir sehr unordentlich und nicht mit der Leidenschaft auf dem Platz sind. Es ist einfach schade, weil wir uns eine so coole Ausgangsposition so leicht aus der Hand haben nehmen lassen und teilweise sogar selbst weggeschmissen haben.“

"Ich habe mir die Frage während des Spiels auch gestellt"

Ein sensationeller Rückhalt beim SCV: Keeper Dennis Lohmann parierte einen Strafstoß und einen Kopfball in sensationeller Manier. Foto: noveski.com

Man habe die Mannschaft „gekitzelt“, verriet Sorgenfrey, ohne näher ins Detail zu gehen. Aber: „Wir nehmen die Mannschaft immer in die Pflicht. Besonders in so einem Moment, wo der Trainer vom einen auf den anderen Tag nicht mehr da ist, was für alle eine komische Situation war. Deswegen habe ich den Jungs auch gesagt, dass wir uns heute auf die einfachen Dinge des Fußballs konzentrieren.“ Genauer gesagt: „Defensiv gut stehen, hart in den Zweikämpfen und insgesamt diszipliniert sein. Dass wir genug gute Kicker in den Reihen haben, das ist zweifelsohne so“, konnte Sorgenfrey seinen Schützlingen nur „ein Riesen-Kompliment“ aussprechen.

Allerdings gestand er auch, dass er sich die Frage nach dem „Warum ausgerechnet jetzt“ ebenfalls „während des Spiels gestellt“ habe. „Da musste ich mir teilweise die Augen reiben. Aber wir haben an die Stärken jedes Einzelnen und an das Gesamtgefüge appelliert und waren darauf fokussiert, viele positive Dinge anzusprechen und das in die Köpfe reinzubekommen. Das haben wir den Jungs in die Ohren gepustet, dass sie das beherzigen und mit diesem Bewusstsein auf diese Anlage kommen sollen. Wir haben viele gute Einzelspieler, aber wenn wir nicht im Konstrukt zusammenarbeiten, dann werden wir nicht erfolgreich sein. Es geht nur gemeinsam als Team. Das haben wir heute wunderbar gemacht!“

Autor: Dennis Kormanjos

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