Oberliga 02

Kocadals starke Worte und Taten, Osdorf verliert den Biss und den Zugriff

20. November 2021, 11:48 Uhr

Starke Worte und starke Taten von HEBC-Coach Özden Kocadal nach dem 3:2-Erfolg seiner Eimsbütteler am Blomkamp. Foto: noveski.com

In dem Moment des Erfolges zeigte Özden Kocadal unheimliche Größe, Empathie und ein ungemeines Fingerspitzengefühl. Sein erster Gedanke galt nicht den wichtigen drei Punkten, die sein HEBC am Blomkamp entführte, sondern dem gegnerischen Coach Philipp Obloch. Aus privaten und familiären Gründen nahm der TuS-Trainer nicht auf der Bank platz, sondern verfolgte das Geschehen am Freitagabend von der Dachterrasse oberhalb des Kabinentraktes.

Als Referee Björn Friedsch (SV Börnsen) seine Pfeife in den Mund nahm und dem Treiben am Blomkamp ein Ende setzte, trug der HEBC nicht nur einen immens wichtigen, sondern hintenraus auch nochmal gefährdeten 3:2-Erfolg davon. In Unterzahl – nachdem der eingewechselte Kevin Trapp nur 23 Zeigerumdrehungen nach seiner Hereingabe aufgrund einer Notbremse den roten Karton sah (86.) – gelang Papa Ndiaye kurz vor Ultimo der späte Anschlusstreffer. Im Nachhinein zu spät. Doch trotz der vermutlich auch emotionalen Erleichterung führte der Weg von HEBC-Dompteur Kocadal zuerst zu seinem Gegenüber. „Ich bin zu einem Menschen gegangen, der meinen vollsten Respekt verdient. Das ist und war mir in diesem Moment wichtiger als Fußball.“ Ein nicht nur starkes Handeln, sondern auch immens starke Worte!

Piet Oldag bestrafte einen kapitalen Bock in der Hintermannschaft des TuS mit dem Ausgleichstreffer. Foto: noveski.com

Stark war auch, wie die Kocadal-Kicker den Rückstand wegsteckten. In der 18. Spielminute war es nämlich Mehmet Eren, der nach einem langen Ball der Hausherren und anschließender Stafette über Jeremy Wachter und Kay-Fabian Adam aus 14 Metern halbrechter Position trocken einschweißte. „Wir sind eigentlich gut ins Spiel gekommen – zumindest von der Aggressivität und der Zweikampfhärte. Das sah gut aus“, befand Osdorf-Manager Cemil Yavas, der für Obloch einsprang. „Doch dann machen wir so einen Fehler, der zum 1:1 führt. Das hat uns irgendwie komplett zurückgeworfen – und ab da haben wir alles verloren.“ Man habe „die Zweikämpfe nicht mehr angenommen“, war „nicht mehr bissig“ und habe sich „hinten reindrücken lassen“, so Yavas.

"Wir haben uns den Schneid abkaufen lassen"

Doch zurück zum Ausgleich – und zum kapitalen Bock von Moritz Rosemeier, dessen Querschläger im eigenen Sechzehner zur Vorlage für Piet Oldag wurde (27.). Dieser war es auch, der nach einer zunächst noch abgewehrten Ecke von Fabian Lemke bedient wurde und postwendend Alexandros Tourgaidis auf dem rechten Flügel in Szene setzte. Dessen Hereingabe von der Grundlinie nickte Lion Jodeit zum 2:1 für die Gäste ein (38.)! „Wir haben uns den Schneid abkaufen lassen und uns zu viel auf unnötige Diskussionen eingelassen, was uns alles Zeit gekostet hat“, monierte Yavas, dessen Mannen im zweiten Abschnitt nach einem Ballverlust in der gegnerischen Hälfte eiskalt ausgekontert wurden. Friedemann Schott schickte Tourgaidis auf die Reise. Nach zwei Tänzchen schloss er zur vermeintlichen Vorentscheidung ab (71.).

"Mein Leben verkürzt sich von Spiel zu Spiel"

Alexandros Tourgaidis bereitete das 2:1 direkt vor und erzielte das 3:1 für den HEBC selbst. Foto: noveski.com

Aber: „Wir hätten den Sack früher zumachen müssen“, konstatierte Kocadal, der durch den späten Anschluss noch einmal zittern musste. „Das wird langsam zur Normalität, dass die Spieler dafür sorgen, dass mir noch mehr graue Haare wachsen. Mein Leben verkürzt sich von Spiel zu Spiel. Mal gucken, wie lange das noch weitergeht“, erklärte er mit einem Augenzwinkern – und resümierte: „Hauptsache gewonnen, das ‚Wie‘ ist scheißegal.“ Nun gehe es darum, auch eine gewisse Konstanz in die Spiele und Ergebnisse reinzubekommen, so Kocadal. Denn „das zeichnet eine richtig gute Mannschaft aus. Und das haben wir bisher noch nicht hinbekommen.“

"Vielleicht liegt uns die Jäger-Rolle mehr"

Die Konstanz zeichnete hingegen Osdorf zu Beginn der Saison aus. Doch nun sei man „auf dem Boden der Tatsachen gelandet“, wie Yavas feststellte. Für den TuS war es die dritte Niederlage in Folge und die vierte in den letzten fünf Spielen. Die Tabellenführung war bereits futsch, als Vierter muss man nun sogar um die Teilnahme an der Meisterrunde kämpfen – und das nach dem Saisonstart. „Machen wir das Tor fünf Minuten früher, dann glaube ich, dass der Blomkamp nochmal gebrannt hätte“, mutmaßte Yavas, der mit seiner Truppe noch ein straffes Programm in Niendorf, beim HSV III, in Buchholz und mit nur noch einem Heimspiel gegen Primus Victoria vor der Brust hat. „Es geht nicht mit Schönspielerei. Wir waren die ganze Zeit der Gejagte, jetzt sind wir wieder der Jäger. Vielleicht liegt uns das mehr.“

Autor: Dennis Kormanjos

Kommentieren