Oberliga

Neue Taktik, neue Stürmer, neuer Glaube: Osdorf läutet die Aufholjagd ein!

20. Januar 2023, 23:29 Uhr

Torschütze Incheol Choi (li.) mit vollem Einsatz. Foto: Kormanjos

Er tigerte an der Seitenlinie auf und ab, konnte kaum mehr hinsehen und forderte immer wieder vehement den Abpfiff: Als Referee Alexander Teuscher (SC Eilbek) auch die angezeigten vier Minuten - warum auch immer es einen solch hohen „Nachschlag“ gab? - längst überschritten hatte, hatte auch Bennet Krause genug gesehen. „Es reicht mir - ich gehe jetzt rein“, schwante ihm Böses. Und tatsächlich griff sich der Trainer des TuS Osdorf seine Taktikmappe und machte sich auf den Weg, ehe nach fünfminütiger „Extratime“ die Pfeife Täuschers ertönte. Schluss, Aus, vorbei - pure Erleichterung am Blomkamp (alle Highlights im LIVE-Ticker)!

Vor allem in der ersten Halbzeit konnte sich Albin Bektesi (re.) über den Flügel ein ums andere Mal in Szene setzen - aber ohne Ertrag. Foto: Kormanjos

„Ich bin natürlich ein wenig gebrandmarkt durch das Spiel gegen Altona“, erklärte Krause hinterher - und befand: „Es war eigentlich nichts los. Ich habe auch keine Nachspielzeit gesehen - und am Ende sind es wieder fünf Minuten geworden. Aber ich glaube, es ist auch ganz klar, dass man in so einer Situation immer den Abpfiff herbeisehnt“, konnte Krause durchatmen - und den ersten Pflichtspielsieg mit seinem TuS unter seiner Regie bejubeln. „Ja, die Aufholjagd hat begonnen“, entgegnete er auf Nachfrage. Und dass, obwohl die Voraussetzungen wieder mal nicht die besten waren. „Wir mussten nochmal komplett umstellen und den Kader weiter mit Jungs aus der U23 auffüllen“, verriet Krause.

TuS-Hiobsbotschaften vor dem Spiel

Der Grund: Mehmet Eren hat sich das Schlüsselbein gebrochen und fällt vermutlich für den Rest der Saison aus. Kevin Trapp zog sich unter der Woche einen Muskelfaserriss im Oberschenkel zu und fällt vermutlich vier Wochen aus. Und bei Youngster Felix Woldt besteht der Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall. Die Liste der Hiobsbotschaften riss beim Tabellenletzten auch in der Woche vor dem Punktspielstart gegen den FC Türkiye nicht ab! „Deshalb ist es natürlich umso schöner, dass es geklappt hat - und es freut mich auch mega für die Jungs, weil die sich noch nicht aufgegeben haben. Und wir auch nicht“, betonte der Osdorf-Coach - und lobte seine Schützlinge dafür, im Training immer wieder Vollgas zu geben. „Wir haben auch im Abschlusstraining wieder Elf gegen Elf spielen können. Das ist nicht selbstverständlich in solch einer Situation. Deshalb hat es mich gefreut, dass sich die Jungs endlich belohnt haben.“

"Osdorf hat das so gemacht, wie man das machen muss"

Viele intensive Duelle am Blomkamp. Insbesondere im sonst so starken Zentrum bekam Türkiye kaum Zugriff auf den TuS. Foto: Kormanjos

Ein Lohn für die harte Arbeit. Und vor allem: Der verdiente Lohn nach 95 Minuten. Das gestand auch Gäste-Trainer Daniel Sager ein: „Das war ein schlechtes Spiel von uns. Osdorf hat das vernünftig gemacht. So, wie man das machen muss, wenn man da unten steht. Die haben gekämpft, waren laut, emotional - und haben versucht, Unruhe reinzubringen. Davon haben wir uns gerade in der ersten Halbzeit anstecken lassen. Da haben wir gar nicht zu unserem Spiel gefunden.“ Nach der Pause sei es „zumindest vom Ballgeschiebe etwas besser“ gewesen „und wir wurden dominanter“, so Sager, „aber man muss auch ganz ehrlich sagen, dass wir mit der Geschwindigkeit des Stürmers immer wieder Probleme hatten und uns keine klaren Chancen erspielt haben“, gab er unumwunden zu.

Apropos „Geschwindigkeit des Stürmers“: Krause zog nämlich noch einen taktischen Schachzug aus dem Ärmel. „Am Ende ist es leicht, zu sagen: Der Matchplan ist ein Stück weit aufgegangen. Aber ich glaube, man hat heute so ein bisschen die Idee gesehen, dass wir etwas kompakter stehen wollen und einfach nicht mehr so viele einfache Chancen zulassen dürfen. Vorne wollten wir mit zwei kleineren, schnelleren Stürmern gucken, dass wir sofort in diese Umschaltmomente kommen.“ Und genau diese Umschaltmomente sorgten für den Sieg - aber auch die „kleinen schnellen Stürmer“.

"Jungspund" Wedemeyer krönt ersten Durchgang

Nach Ballverlusten der Wilhelmsburger schaltete Osdorf immer wieder blitzschnell um. Schon in der Anfangsphase vergaben die Hausherren drei Hochkaräter, scheiterten in Person von Incheol Choi einmal am Pfosten (6.) und an Türkiye-Torsteher Tobias Braun (7.) sowie abermals am Längsgestänge durch einen Kopfball von Jannik Ahrens (8.). Aber: Die „Blomkampler“ ließen sich davon nicht beirren und gingen kurz vor dem Pausentee durch Gedion Wedemeyer, dem immer wieder quirligen und wendigen Angreifer, in Führung. Schema: Ballverlust Türkiye, Ali Can Sommer steckte in die Tiefe durch und Wedemeyer chippte die Kugel an Braun vorbei ins lange Eck (43.)!

Choi sorgt für Vorentscheidung, Netzbandt-Geniestreich kommt zu spät

Der starke Incheol Choi (re.) wird bei seiner Auswechslung von Chefcoach Bennet Krause abgeklatscht. Foto: Kormanjos

Dem vorentscheidenden zweiten Treffer ging eine ganz starke Aktion von Kapitän Tim Jobmann voraus. Der Innenverteidiger eroberte am eigenen Sechzehner den Ball, trieb diesen entschlossen nach vorne und setzte genau im richtigen Moment den in den ersten 45 Minuten noch glücklosen Choi in Szene. In neuer Funktion, entwischte der ehemalige Altonaer seinem Gegenspieler und tunnelte Braun zum 2:0 (61.)!

Die Sager-Mannen präsentierten sich erschreckend ideenlos und kamen kaum zu zwingenden Möglichkeiten. „Türkiye, vogelwild! Spannung!“, forderte Oguz Koras in der 55. Minute. Aber am Ende musste mal wieder ein Geniestreich von Goalgetter Michel Netzbandt herhalten, um nochmal für Spannung zu sorgen. In der Nachspielzeit sah der Torjäger vom Dienst, dass der ansonsten bärenstarke Kadir Katran etwas zu weit vor seinem Gehäuse postiert war und überwand den Keeper aus gut und gerne 40 Metern (90. +2)! Ein Glücksschuss, auf den aber kein weiterer Streich mehr folgen sollte.

"Ein undankbarer erster Gegner, wo man nur verlieren kann"

„Uns hat auch das Übergewicht an Ballbesitz nichts gebracht, wenn man sich daraus keine klaren Torchancen erspielt. Da hat mir im letzten Drittel ein bisschen die Entschlossenheit gefehlt. Aber es war auch nicht einfach, weil der Gegner sehr massiv und kompakt hinten drin stand“, sprach Sager auf die Fünferkette der Hausherren an - und konstatierte: „Es ist immer schwer, nach drei Wochen Pause und ohne ein Testspiel gleich den richtigen Spielfluss zu finden. Und es ist auch undankbar, so ein Spiel zum Start zu haben, wo man eigentlich nur verlieren kann. Aber das soll überhaupt keine Ausrede sein. Wir müssen gucken, dass wir uns wieder steigern“, nahm er sein Team, das beide Duelle gegen Osdorf verlor, in die Pflicht. In eine ähnliche Kerbe sprang Netzbandt, der im Teamkreis auch nochmal das Wort ergriff: „In der nächsten Woche müssen wir 100 Prozent mehr bringen!“

Unterdessen hat sich der TuS durch den „Dreier“ vom letzten auf den drittletzten Platz katapultiert und den perfekten Auftakt ins Jahr 2023 gefeiert. „Ich bin schon stolz auf die Jungs, dass sie das so gut gemacht haben“, bilanzierte ein zufriener Krause. Aber: Es war erst der Beginn einer noch ganz langen Reise...

Autor: Dennis Kormanjos

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