Bezirksliga 04

Rückold sorgt für Ruck, NTSV-Dritte macht aus einem 1:5 ein 7:6: „Das habe ich in 27 Jahren Fußball noch nicht erlebt!“

31. Oktober 2021, 20:08 Uhr

Niendorfer Jubel, Wellingsbütteler Frust: Absoluter Fußball-Wahnsinn am Pfeilshof. Foto: Olaf Both

„Das habe ich in 27 Jahren Fußball in der Form auch noch nicht erlebt“, musste Jan-Hendrik Schmidt gar nicht lange überlegen. Einen solch „wilden Tag“ und vor allem ein „so wildes Spiel – auch mit der Dynamik, die das Ganze in der zweiten Halbzeit mit den vielen Toren innerhalb von so wenigen Minuten angenommen hat“, sei absolut einzigartig. So außergewöhnlich und beispiellos, das am Samstagmittag Fußball-Geschichte am Pfeilshof geschrieben wurde…

In der ersten Halbzeit schien es eine glasklare Sache zugunsten der grün gekleideten Wellingsbütteler zu werden. Foto: Olaf Both

„Ich habe den Jungs gesagt, dass ich noch nie mit einem 1:5 in die Halbzeit gegangen bin und gar nicht weiß, was ich sagen soll“, musste sich Jan-Hendrik Schmidt, Trainer des Niendorfer TSV III erst einmal sortieren und sammeln, um die richtigen Worte zu finden. „Die Jungs wissen ja selbst, dass sie scheiße gespielt haben. Das musst du ihnen nicht auch noch laut sagen. Deshalb haben wir natürlich versucht, an die Ehre zu appellieren“, so Schmidt, der seinen Mannen mit auf den Weg gab, „dass das nun mal gar nicht geht, sich so abschießen zu lassen“. Vielmehr würde es nun darum gehen, ein ganz anderes Gesicht zu zeigen – oder wie es Schmidt formulierte: „Wir haben klar gesagt, dass wir um unsere Ehre spielen, aber auch darum, die zweite Halbzeit zu null zu spielen und das Ganze mit Anstand zu ertragen – ohne dumme Frustaktionen.“

"Wenn du mit einem 1:5 in die Pause gehst, glaubt keiner mehr an irgendwas"

Vier Tore binnen acht Minuten: Jan Rückold (Mi.) sorgte fast im Alleingang für die unfassbare Wende zugunsten der Bandenwald-Boys. Foto: Olaf Both

Denn Fakt sei auch – und da müsse man sich nichts vormachen, so der Coach der NTSV-Dritten: „Wenn du mit einem 1:5 in die Halbzeit gehst, gibt es keinen, der noch an irgendwas glaubt!“ Zwar habe man „schon Vieles im Fußball gesehen“, so Schmidt, der seine Schützlinge unter anderem an das WM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft vor fast genau neun Jahren gegen Schweden erinnerte, als das DFB-Team eine 4:0-Führung herschenkte und sich mit einem 4:4 begnügen musste. „Aber man muss dann auch so realistisch sein, sich vom Ergebnis zu lösen und die zweite Halbzeit als Lerneffekt nutzen, um sich aus dieser Situation wieder raus zu manövrieren.“ Eine Situation, die Schmidts Schützlinge bereits kennen. Zwar nicht in der Form, aber schon oft musste seine Elf einem deutlichen Rückstand hinterherlaufen.

NTSV III führt - doch dann geht's dahin...

"Kommt, Jungs - da geht was!" Was lange Zeit unmöglich schien, wurde wirklich wahr: Jan-Hendrik Schmidt sah das unfassbare Comeback seiner Niendorfer. Foto: Olaf Both

Dabei erwischten die Gäste aus Niendorf einen Traumstart und bogen nach nicht einmal 120 Sekunden durch Tom Langer auf die Siegerstraße ab. „Trotz der Führung sind wir überhaupt nicht ins Spiel gekommen“, konstatierte Schmidt – und sah das Unheil kommen. „Wir kassieren die ersten beiden Gegentore nach Einwürfen, dann per Freistoß sowie nach einer Ecke – und beim 1:5 haben wir uns einfach übertölpeln lassen.“ Tobias Giesenschlag (11.), Alexander Peck (15., 41., 45. +1) und Luis Böge (32.) drehten das Geschehen nicht nur auf den Kopf, sondern machten noch innerhalb der ersten 45 Minuten vermeintlich alles klar zugunsten des TSC Wellingsbüttel.

"Jetzt ist der Fuß in der Tür drin und wir beim Gegner im Kopf"

Doch dann das. Eine gute Viertelstunde lang passierte nach Wiederanpfiff nicht viel. „Ich fand aber, wir waren schon etwas besser im Spiel und die Mannschaft hat eine entsprechende Reaktion gezeigt“, ging es für Schmidt und seine Kicker eigentlich nur noch um Schadensbegrenzung. Das 2:5 durch Langer (63.) war zunächst nur „Ergebniskosmetik“, so Schmidt. Wenige Augenblicke später markierte Tobias Heiling aber schon das 3:5 (65.) – und plötzlich hatte man das Gefühl: „Jetzt ist der Fuß so ein bisschen in der Tür drin und man ist auch ein Stück weit beim Gegner im Kopf.“

Aus 3:5 mach 7:5: Rückold markiert Viererpack - und fliegt!

Die Hausherren konnten es kaum glauben, während die Gäste in pure Ekstase verfielen. Foto: Olaf Both

Es folgte das Unglaubliche: Binnen acht Zeigerumdrehungen sorgte Jan Rückold mit einem Viererpack (!) fast im Alleingang für die Wende und machte aus einem 3:5-Rückstand eine 7:5-Führung (71., 77., 78., 79.)! „Mit dem 4:5 war klar: Jetzt geht‘s wieder im Punkte.“ Und immer wieder ging es nach dem gleichen Schema: Anstoß „Welle“, die Gäste gingen drauf, die Hausherren vertändelten den Ball in der letzten Reihe, Querpass - Tor. „Wir waren wie im Rausch! Das war Wahnsinn“, fehlten auch Schmidt die Worte. Aber: Keine 120 Sekunden nach seinem vierten Streich sah Rückold die Ampelkarte (81.). Fortan mussten die Mannen vom Bondenwald in Unterzahl agieren. Ein Eigentor in der Nachspielzeit durch Heiling brachte den TSC nochmal zurück (90. +2). Schlussendlich „wühlte“ sich der NTSV III aber irgendwie durch.

"Wir haben die Reaktion ja nicht mit der Intention, das Spiel zu drehen, gezeigt"

Fußball-Wahnsinn am Pfeilshof: Aus einem 1:5 zur Pause machte Niendorfs "Dritte" ein 7:5. Am Ende wurde es aber nochmal eng... Foto: Olaf Both

„Es herrschte totale Ekstase. Auch auf der Gegnerseite waren alle perplex und haben nicht realisiert, was da gerade passiert ist – zumindest war das mein Eindruck“, konnte Schmidt sein Glück kaum fassen. Aus einem 1:5-Pausenrückstand machten seine Kicker einen 7:6-Erfolg – unfassbar! „Ein Tag, an den man sich immer zurückerinnern wird! Es ist einfach fantastisch, was wir für eine Reaktion die Mannschaft gezeigt hat“, geriet der Übungsleiter ins Schwärmen, betonte aber zugleich: „Man darf eine Sache nicht vergessen: Wir haben die Reaktion ja nicht mit der Intention, das Spiel zu drehen, gezeigt, sondern einfach mit dem Gedanken, uns besser zu verkaufen und stabiler zu sein. Der Gedanke, dass hier wirklich etwas geht, ist erst mit dem zweiten oder dritten Tor entstanden.“ Ein Gedanke, der im Endeffekt ganze Berge versetzte…

Autor: Dennis Kormanjos

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