Saisonabbruch?

Schönteich: „Wir in Hamburg sind wiederholt die Ersten, die einen Abbruch forcieren!“

27. Januar 2021, 08:38 Uhr

Mit deutlichen Worten prangert Dassendorf-Sportchef Jan Schönteich einige Entscheidungen des Verbandes offen an. Foto: Bode

Eines schickt Jan Schönteich in aller Deutlichkeit vorweg: „Ich bin mit Sicherheit kein Corona-Leugner“, entgegnet er, als wir ihn auf den drohenden Abbruch der Saison 2020/21 im Hamburger Amateurbereich ansprechen. Weiter betont der Sportchef der TuS Dassendorf: „Die Corona-Situation im ganzen Land ist einfach grausam – und ich weiß, dass man bei Entscheidungen jeglicher Couleur in diesem Bereich sicherlich keinen Pokal gewinnen kann. Und ich für mich auch froh bin, hier nicht mitentscheiden zu müssen.“ Fußball sei „sicher auch nicht der Nabel der Welt“, erklärt er, „und trotzdem glaube ich, dass man einige Dinge als Verband anders/viel besser lösen kann/muss“. 

Jan Schönteich (li.) und "Dasse"-Coach Jean-Pierre Richter. Foto: Bode

Er war als Spieler und Trainer erfolgreich. Seit seinem freiwilligen Rückzug als Übungsleiter des Hamburger Abonnement-Meisters zu Beginn des Jahres 2016 fungiert Jan Schönteich als Sportchef am Wendelweg. Trotz aller Erfolge und Titel ist der Ehrgeiz nach wie vor ungebrochen – und die Liebe zum Spiel noch immer das, was ihn Tag für Tag antreibt. Umso größer ist auch bei Schönteich die Ernüchterung darüber, dass Corona den geliebten (Amateur-)Fußball nun schon seit geraumer Zeit voll im Griff hat. So sehr, dass er und sein Team nur zuschauen und abwarten können, wann es endlich wieder losgeht. Und genau das sowie die Tatsache, dass ein Saisonabbruch immer wahrscheinlicher wird, sorgt beim 53-Jährigen für Unmut: „Ich schätze wirklich jede einzelne Person beim Verband und halte sie für intelligente und fähige Menschen.“ Dennoch müsse er gewisse Entscheidungen anprangern, konstatiert Schönteich, ehe er auf unsere Nachfrage hin ins Detail geht.

„Das verstehe ich einfach nicht“

Dass in der Hansestadt der zweite Saisonabbruch in Folge droht, sorgt bei Schönteich für großen Unmut. Foto: Bode

„Der allererste Impuls muss doch grundsätzlich für jeden Fußballer auf der Welt das Weiterspielen sein – und nicht die Antwort auf die Frage: Wie brechen wir zeitnah ab?“ Ersteres könne er in den letzten Wochen jedoch „überhaupt nicht feststellen“, so Schönteich, der anmerkt, dass die Inzidenzzahlen in Norddeutschland nicht im Ansatz vergleichbar mit denen in anderen Bundesländern seien. „Und dennoch sind wir in Hamburg erneut die Ersten, und Stand jetzt einzigen, die irgendwas forcieren, was in die Richtung eines Abbruchs geht. Das war in der jüngeren Vergangenheit auch schon so. Wir waren die Letzten, die sich irgendwelchen Öffnungsaktionen angeschlossen haben, aber immer die Ersten, die den Spielbetrieb eingestellt haben“, nennt er die Situation im vergangenen Oktober, als die Inzidenzzahlen im Kreis Pinneberg die 50er-Marke überschritten haben, als Beispiel. 


Dabei stellt Schönteich unmissverständlich klar: „Im Nachhinein war das natürlich richtig – gar keine Frage. Aber wenn es ums Schließen geht, dann sind wir immer ganz, ganz schnell. Und jetzt, Mitte Januar, die Saison mit einer Ansage ‚abzuschenken‘, wo es heißt, wenn nicht bis dann und dann das und das passiert ist, dann machen wir dicht, wo kein anderer Landesverband von einem Abbruch spricht, das verstehe ich einfach nicht! Diesen Hamburgischen Alleingang versteht man in anderen Bundesländern ja ebenfalls nicht, wie zu lesen ist. Durchaus vergleichbare Länder wie Bremen oder Schleswig-Holstein wollen beispielsweise weiterspielen, wenn es denn irgendwie geht.“

„Wir sollten mehr Öffnungs- als Schließungsszenarien diskutieren“

Der allererste Impuls müsse doch das Weiterspielen sein, so Schönteich. Foto: KBS-Picture.de

Wenn man Ende März oder Anfang April merken würde, „dass die Mutation des Virus‘ weiter fortgeschritten ist, die Zahlen immer noch so hoch sind, die Impf-Problematik nach wie vor derart anstrengend ist, und auch das Wetter nicht besser wird, was ich alles nicht glaube, dann bin ich der Allerletzte, der sagt: Wir müssen das auf Teufel komm‘ raus durchprügeln! Aber im Januar…“, sieht Schönteich noch ausreichend Zeit und die von HFV-Präsident Dirk Fischer in einem offenen Brief an die Vereine kommunizierte Deadline als „unforced error, um es in der Tennissprache zu sagen“, an. „Wir sollten mehr Öffnungs- als Schließungsszenarien diskutieren.“ 


Im Nachhinein habe zum Beispiel Bayern „vieles richtig gemacht“, befindet Schönteich – und führt an: „Die spielen jetzt die Saison 19/20 in Ruhe zu Ende und haben zumindest eine gewertete Spielzeit – während wir in Hamburg bereits die zweite Saison abbrechen und noch nicht mal ansatzweise sicher sein können, wie es denn dann mit der dritten aussieht.“ All das hätte man zwar im Vorfeld nicht wissen können, aber der Norddeutsche sowie der Schleswig-Holsteinische Fußball-Verband hätten es beispielsweise vorgemacht. „Die haben es mit der Staffelteilung letztlich einfach cleverer gemacht und alle Szenarien durchgespielt und geschaffen, um weitermachen zu können. Hamburg nicht!“ Und da sei er „noch nicht mal bei Entscheidungen wie ‚nach der Vorrunde lassen wir alle Punkte wegfallen und beginnen in getrennten Staffeln neu bei null‘ oder einem jetzt diskutierten ersatzlosen Wegfall aller bereits erzielten Punkte. Ich halte das für unvereinbar mit dem Sportlerherzen. Nach meinem Verständnis darf es sowas nicht geben, mindestens im ambitionierten Bereich nicht. Leider gibt es für diesen eben keine Vertretung, keine Lobby, kein Garnichts.“

Autor: Dennis Kormanjos

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