Regionalliga Nord

Sonntags-Krimi im „EPS“: „Naivität“ bringt Norderstedt um den Lohn!

19. September 2022, 10:00 Uhr

Komplett niedergeschlagen hockten Fabian Grau (li.) und Dylan Williams unmittelbar nach Abpfiff am Boden. Foto: noveski.com

Er sei „fertig mit der Welt, aber glücklich“, beschloss Oliver Zapel sein Statement nach dem hochemotionalen und hochdramatischen Gastspiel seines 1. FC Phönix Lübeck beim FC Eintracht Norderstedt. Der Konter von Olufemi Smith: „Fertig mit der Welt bin ich auch!“ Der Coach der Garstedter sprach von einem „Déjà-Vu“ – oder auch: „Und täglich grüßt das Murmeltier!“ Vor allem in den zweiten 45 Minuten habe er „ein ‚Hildesheim 2.0‘ gesehen“, erinnerte Smith an das vorangegangene Heimspiel, als seine Eintracht mit 0:2 in Rückstand geriet, zurückschlug – und am Ende ein 2:2 erkämpfte. „Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass wir es diesmal geschafft haben, kurz vor Schluss alles herzuschenken.“

Das 0:1: Julian Ulbricht (Mi.) geht entschlossen zum Kopfball, zwei Norderstedter gucken nur zu. Foto: noveski.com

Und das auf äußerst tragische Art und Weise. „Wenn ich sehe, welchen Aufwand wir betreiben müssen, um Spiele irgendwie wieder in unsere Richtung zu drehen oder zu lenken, weil wir uns vorher unfassbar naiv anstellen, dann ist das mittlerweile einfach sehr hart für die Jungs. Die tun mir am meisten leid, dass die sich für den großen Aufwand, den sie auch schon in der ersten Halbzeit gefahren haben, nicht belohnen. Ich glaube, dass wir schon in der ersten Halbzeit die bessere Mannschaft waren, mehr vom Spiel und auch mehr Torszenen hatten, aber es nicht schaffen, das auch mal in etwas Zählbares umzumünzen“, haderte Smith. Vor allem mit der Naivität seiner Mannen.

"Der Gegner hat uns vorgemacht, wie man abgebrüht Fußball spielt"

Das 0:2. Diesmal kocht Ulbricht (re.) EN-Verteidiger Yannik Nuxoll ab und schießt trocken ein. Foto: noveski.com

Ein Beispiel: Die Szene vor dem 0:1 aus Norderstedter Sicht. „Der Schiedsrichter pfeift Freistoß für uns. Und wir schaffen es nicht, diese Situation mal zu nutzen und schnell zu sein, wenn sich sechs oder sieben Lübecker beim Schiedsrichter beschweren, der das Spiel aber laufen lässt. Stattdessen spielen wir den Ball dreimal quer, dann schlägt der Torwart den Ball ins Aus. Und mit dem nächsten Angriff kassieren wir so ein Gegentor, wo der Ball vermutlich 30 Meter durch die Luft fliegt und wir es nicht schaffen, Zugriff auf den Ball zu bekommen. Das ist dann naiv und nicht gut. Das müssen wir lernen. Da müssen wir besser und cleverer sein. Der Gegner hat es in vielen Situationen vorgemacht, wie man abgebrüht Fußball spielt. Das fehlt unserer Mannschaft momentan. Leider.“

Ulbricht-Doppelschlag schockt "EN" - Hildebrandt fliegt

Per Freistoß verkürzt Elias Saad (li.) auf 1:2 aus Norderstedter Sicht. Foto: noveski.com

Letztendlich war es Julian Ulbricht, der die Hereingabe von Sebastian Pingel am zweiten Pfosten unbedrängt einnickte (60.). Die Eintracht war auf eine Antwort aus, lief aber postwendend in einen Konter. Wieder war es Ulbricht, der diesmal einen Steckpass des Ex-Norderstedters Michael Kobert zu verwerten wusste – 0:2 (62.). Aber: Die Hausherren hielten weiter dagegen. Hendrik Wurr verursachte einen Freistoß gegen Dylan Williams, den Elias Saad traumhaft schön aus 20 Metern halblinker Position an der Mauer vorbei ins linke Toreck zirkelte (64.)!

„Wir bringen den Gegner auf die Siegerstraße und ins Spiel und schwächen uns dann noch mit einer Gelb-Roten Karte und einem Zweikampfverhalten, was so nicht geht, wenn ich schon Gelb vorbelastet bin. Dann kann ich nicht so überhastet und übermotiviert in diese Situation reingehen“, monierte Smith das Zweikampfverhalten von Youngster Tjark Hildebrandt, der sich nach einer Grätsche gegen Kobert vor der Norderstedter Bank binnen sieben Minuten die Ampelkarte einhandelte (72.).

"Die Moral ist mehr als intakt - das haben wir gezeigt"

Das 2:2 in der Schlussminute: Dylan Williams (Mi.) grätscht eine Kummerfeld-Hereingabe am kurzen Pfosten in die Maschen. Foto: noveski.com

„Das sind alles Dinge, wo wir davon reden, dass ein gewisser Lernprozess einsetzen muss – aber es will noch nicht so richtig fruchten. Das ist das, was mich heute sehr enttäuscht und traurig macht. Die Moral ist mehr als intakt. Das haben wir heute auch wieder gezeigt. Ich glaube auch, dass wir mit zehn Mann sogar die bessere Mannschaft waren. Wir haben gedrückt, belohnen uns mit dem Ausgleich und schaffen es dann wieder nicht, hinten konsequent zu verteidigen und klar zu sein in den Aktionen“, nahm Smith das Geschehen vorweg. Als die Schlussminute anbrach, war es Dylan Williams, der eine Flanke von Dane Kummerfeld, die Manuel Brendel und Saad noch verpassten, am kurzen Pfosten über die Linie grätschte (90.)!

"Das ist definitiv nicht das, was wir uns vorgestellt haben!"

Der Eintracht-Knockout in der sechsten Minute der Nachspielzeit: Joker Anton Ihde (2. v. li.) schießt zum 3:2-Sieg für Phönix Lübeck ein. Foto: noveski.com

Überschwänglicher Jubel bei „EN“ – und beinahe sogar noch der „Lucky Punch“. Doch Pelle Hoppe schädelte eine Saad-Hereingabe haarscharf am Kasten vorbei (90. +3). Und so kam es, wie es kommen musste. Anton Ihde wurde von der Eintracht-Defensive aus den Augen verloren – drin (90. +6)! „Wir verursachen einen Einwurf in Sechzehnernähe. Das ist ein Mittel, was die Lübecker nutzen, was wir wussten und worauf wir uns vorbereitet haben. Da muss man es einfach schaffen, solche Situationen besser zu verteidigen“, war Smith mächtig bedient – und machte auch keinen Hehl daraus, dass elf Punkte aus zehn Spielen „definitiv nicht das ist, was wir uns vorgestellt haben“.

Das abschließende Fazit von Phönix-Übungsleiter Zapel nach dem nervenaufreibenden Krimi vor 325 Zuschauern im Edmund-Plambeck-Stadion: „Selbst mir fällt es schwer, jetzt noch irgendwas dazu zu sagen – angesichts der Emotionalität, die in diesem Spiel, insbesondere in der Schlussphase, drin war. Ich glaube, dass man diesen riesen Stein, der uns aus der Büchse geflogen und in der Trave gelandet ist, in Lübeck klatschen gehört hat.“

Autor: Dennis Kormanjos

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