Regionalliga Nord

„Teilweise fand ich unsere Ansätze besser, aber eine Schlüsselsituation und die paar Minuten danach machen alles kaputt!“

31. Oktober 2021, 18:51 Uhr

Bezeichnend: Konsternierte Altonaer im Vordergrund, während sich die Akteure des VfB Lübeck im Jubelrausch befinden. Foto: MSSP-Sportphoto

Er lief und ackerte, war auch fußballerisch – wenn davon überhaupt die Rede sein kann – die prägende Figur im Spiel der Altonaer. Mit seinen 19 Jahren konnte aber auch Noah Gumpert die nächste deutliche Niederlage nicht verhindern (alle Highlights im LIVE-Ticker). Dennoch: Irgendwie bezeichnend für die Situation an der „AJK“, dass ein Neuzugang aus der A-Jugend des Eimsbütteler TV vorangehen muss. Es gab aber noch eine weitere Szene, die nicht minder charakteristisch für den Auftritt der „Bergmänner“ am Sonntagnachmittag im Traditionsduell gegen den VfB Lübeck war...

AFC-Kapitän Dennis Rosin (li.) läuft zum Elfmeter an - und drischt den Ball meilenweit über den Kasten. Foto: MSSP-Sportphoto

Als die Hausherren nach einem Angriff über Noah Gumpert und Ole Wohlers einen zweifelhaften Handelfmeter zugesprochen bekamen, den Lübecks Robin Kölle verursachte, übernahm AFC-Kapitän Dennis Rosin die Verantwortung. Die große Chance zum 1:1-Ausgleich – nachdem Vjekoslav Taritas die bis dato überaus biederen Gäste in Folge eines Einwurfs und nach Vorarbeit von Morten Rüdiger in Führung „murmelte“ (52.). Oder wie es Altona-Coach Andreas Bergmann bezeichnete: „Ein richtiges Drecksding!“ Dann aber kam es zu dem auch von Bergmann angesprochenen „zentralen Punkt“.

Rosins Fehlschuss - "Tut mir für die Mannschaft leid"

Der Ball fliegt einige Meter über das Lübecker Gehäuse. Nichts war's mit dem postwendenden AFC-Ausgleich. Foto: MSSP-Sportphoto

Rosins Versuch landete in der Nähe der S-Bahnstation Bahrenfeld (57.) – zumindest etwas überspitzt formuliert. Der „Elfer“ des Captains segelte einige Meter über das Lübecker Gehäuse. „Einen habe ich in dieser Saison ja schon gemacht“, erinnerte der 25-Jährige an seinen Treffer bei der 2:4-Niederlage gegen Phönix Lübeck zur zwischenzeitlichen 2:1-Führung. „Ich wollte ihn in die Mitte schießen, habe den Ball aber falsch getroffen“, stellte er sich trotz dessen den Fragen der anwesenden Pressevertreter. „Es ist natürlich sehr ärgerlich. Denn wir haben wieder ganz gut mitgehalten. Das tut mir auch leid für die Mannschaft“, entschuldigte er sich schon fast für seinen Fehlschuss – aber: „Es passt irgendwie zur Situation.“

AFC vergibt, Lübeck trifft - und machte schnell alles klar

Rosin (li.) dreht konsterniert ab, VfB-Kapitän Grupe (re.) bejubelt den Fehlschuss vom Punkt. Foto: MSSP-Sportphoto

Besser machte es der letztjährige und inzwischen komplett neuformierte Drittligist wenige Augenblicke später. Völlig unbedrängt bekam Marco Heskamp den Ball an den Arm und verursachte einen Handelfmeter auf der anderen Seite. Nathaniel Amamoo verwandelte ganz cool und sicher – 0:2 (60.). Der AFC war geschlagen und hatte nichts mehr entgegenzusetzen. Ganz im Gegenteil. Malek Fakhro köpfte eine Flanke von Jan Lippegaus gänzlich ungehindert zum 3:0 für den VfB ein (66.). Ein Ergebnis, das die Lübecker souverän und ohne auch nur ansatzweise in Gefahr zu geraten über die Zeit schaukelten.

Erste Halbzeit bietet fußballerische Magerkost und pure Tristesse

Fast im Gegenzug machte es der Ex-Norderstedter Nathaniel Amamoo (re.) deutlich besser aus elf Metern. Foto: MSSP-Sportphoto

Einsatz und Kampfeswillen waren da – die fußballerische Linie tendierte jedoch gen Null. Der Altonaer Fussball-Club dümpelt in der Regionalliga Nord weiter abgeschlagen am Ende des Feldes herum! Bereits nach nicht einmal 120 Sekunden hätte es im Kasten von AFC-Fänger Jasin Jashari klingeln können. In Folge eines eigenen Eckballes wurde Altona gnadenlos ausgekontert, der Abschluss von Nathaniel Amamoo klatschte jedoch an den Innenpfosten (2.). Ein munterer Beginn auf der Adolf-Jäger-Kampfbahn. Umso erschreckender, was beide Mannschaften in der Folge ablieferten. Fehlpässe und Unzulänglichkeiten en masse, keine Spielkultur, keine Linie, kaum Tempo.

Personalmisere an der AJK: "Auch wir haben irgendwann mal Grenzen"

Ohne jede Gegenwehr konnte Malek Fakhro (li.) das Leder zum 3:0 aus Lübecker Sicht einnicken. Foto: MSSP-Sportphoto

Und als die Chance für die „Bergmänner“ kurz vor der Pause mal da war, weil Rosin nach einem Ballgewinn schnell umschaltete, vergab Wohlers in aussichtsreicher Position kläglich (45.). Unmittelbar nach Wiederanpfiff scheiterte Youngster Noah Gumpert per Freistoß an Eric Gründemann (50.). Doch dann ging‘s für den AFC dahin. „Auch wir haben irgendwann mal Grenzen“, meinte Bergmann die aktuelle Personalsituation – insbesondere in der Defensive. Mit Hendrik Bombek, Benjamin Safo-Mensah und kurzfristig auch noch Peer Mahncke fiel die komplette Innenverteidiger-Riege aus, so dass Eudel Monteiro und André Wallenborn aushelfen mussten. Hinten links verteidigte dafür der Ex-Lübecker Dren Feka.

"Vorne fehlen uns Durchschlagskraft und Klarheit"

Altonas Eudel Monteiro (re.) - hier im Duell mit Nathaniel Amamoo - musste in der Innenverteidigung aushelfen. Foto: MSSP-Sportphoto

„Es war wieder ordentlich“, konstatierte Bergmann. „Teilweise fand ich unsere Ansätze sogar besser. Aber spätestens nach unserem und dann dem Elfmeter im Gegenzug war es natürlich schwer für die Jungs“, sah er bis dahin ein recht ausgeglichenes Spiel. „Man kann den Jungs null Vorwürfe in Bezug auf deren Engagement machen. Sie versuchen immer wieder, die Vorgaben umzusetzen. Aber im Endeffekt sind es die eine Schlüsselsituation und die wenigen Minuten danach, was wieder so viel kaputtmacht.“ Das zu verkraften und stets „zu verdauen, dafür sind wir einfach noch zu unreif“. Ein weiteres großes Manko: „Vorne fehlt uns einfach die Durchschlagskraft und die Klarheit in den Aktionen.“

"Die Fans sind einfach überragend!"

Ein ratloser AFC-Fänger Jasin Jashari (re.) nach Schlusspfiff. Erneut stand sein Team mit leeren Händen da. Foto: MSSP-Sportphoto

All das geht aufs Gemüt. Nichtsdestotrotz: Die 850 Zuschauer auf der alt-ehrwürdigen Adolf-Jäger-Kampfbahn feierten ihr Team nach Schlusspfiff dennoch und spendeten eifrig Beifall. Nicht selbstverständlich in jener Situation mit lediglich fünf Punkten auf der Habenseite. „Wir sehnen uns ja selbst nach nichts mehr, als uns endlich für das zu belohnen, was wir immer wieder leisten“, hofft Bergmann auf ein baldiges Erfolgserlebnis. Und auch der an jenem Nachmittag so unglückliche Kapitän weiß das sehr zu schätzen, wie die Fans hinter der Mannschaft stehen: „Du kannst spielen, wir du willst, gewinnen oder verlieren – die Fans sind immer da, machen immer Stimmung und verzeihen dir alles. Das ist einfach überragend!“

Bergmann will "Dresscode" weiter einhalten

Nicht minder imposant: Auch bei durchaus frösteligen Temperaturen Ende Oktober führte Bergmann seine Equipe noch immer in kurzer Hose aufs Spielfeld. Eine Marotte – oder wie lange wird er jenen Dresscode noch einhalten? „So lange meine Mannschaft noch so spielt, dass mir warm wird“, entgegnete er mit einem kleinen Grinsen im Gesicht. Wenngleich dem AFC rein sportlich gesehen weiter nicht zum Lachen zumute ist…

Autor: Dennis Kormanjos

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