Oberliga

Türkiye feiert den Klassenerhalt – oder doch nicht? Abstiegsfinale wird zum abermaligen Kommunikations-Desaster!

18. Mai 2024, 00:00 Uhr

Nach 16 Jahren in sämtlichen Positionen und Funktionen wurde Klaus Klock nach dem Spiel gebührend verabschiedet. Foto: Heiden

Ende Juni 2022 ließ der Hamburger Fußball-Verband in einer Pressemitteilung verlautbaren: „Es wurde festgestellt, dass widersprüchliche Auslegungen der Auf- und Abstiegsregelungen möglich sind. Dem Spielausschuss ist wichtig, zu betonen, dass aus den Widersprüchen keinem Verein ein Nachteil entstehen darf.“ Und so sorgte die Fehlkommunikation dafür, dass der Hamm United FC in der Oberliga blieb und die Spielzeit 2022/23 mit 19 Mannschaften vonstattenging. Fast zwei Jahre später scheint der HFV aus dem Dilemma noch immer nichts gelernt zu haben. Letzter Spieltag in der Oberliga Hamburg, Abstiegsfinale zwischen dem FC Türkiye und dem SV Rugenbergen im Fernduell – und weder der eine noch der andere Verein erhielten eine verbindliche Aussage, welcher Platz in welchem expliziten Fall zum Klassenerhalt reichen würde. Dementsprechend kündigten beide Teams bereits offen an, im Falle eines vom HFV verhängten Abstieges auf dem eigentlich rettenden 15. Tabellenplatz Klagen zu wollen!

Luis Hacker (li.) kann sich nach seinem kuriosen Freistoßtor zum 2:0 ein Schmunzeln nicht verkneifen. Foto: Heiden

Selbst beim Verband scheint man sich nicht einig zu sein. Oder anders gesagt: Einer weiß nicht, was der andere tut. Beispiel gefällig? Am Freitagvormittag rief der scheidende Türkiye-Manager Klaus Klock bei Heiko Arlt aus dem Spielausschuss an. Der von Klock übermittelte O-Ton des Gesprächs mit Arlt: „Wenn du was wissen willst, ruf‘ bei mir an. Was Hammer und Flatau erzählen, ist Blödsinn“, verriet Klock im Nachgang des Abstiegsfinales – nachdem er sich zuvor, wie vermutlich alle anderen beteiligten Personen auch, durch den Spielausschuss des Verbandes telefonierte. Immer wieder mit widersprüchlichen Aussagen.

"Sollte Norderstedt nicht absteigen, habt ihr nichts zu befürchten"

Die Aussage von Arlt: „Es gibt drei Regelabsteiger. Die Zweitplatzierten der Landesliga müssen darauf hoffen, dass weitere Plätze frei werden. Sollte Norderstedt nicht absteigen, habt ihr nichts zu befürchten!“ Bedeutet: Laut eben jener Aussage würde der FC Türkiye als Tabellen-15. der Oberliga nur dann runtergehen müssen, wenn neben dem Eimsbütteler TV auch die Eintracht, die am Samstag ihr großes „Finale furioso“ beim SC Weiche Flensburg 08 hat und schon mit einem Remis gerettet wäre, aus der Regionalliga absteigen würde. „So hat man mir das gesagt, ja“, erwiderte Klock. Und selbst in diesem Falle hätte er noch ein weiteres Faustpfand in der Hinterhand: „Dann habe ich noch das Skandalurteil vom Verbandsgericht mit allerhand Aussagen“, spricht er auf das vom Verbandsgericht kassierte Sportgerichtsurteil, wonach die zunächst zugesprochenen drei Punkte am grünen Tisch aus dem Altona-Spiel wieder einkassiert wurden, an.

„Damals wussten wir noch nicht, dass diese drei Punkte uns auch noch für Alsterbrüder gelangt hätten. Das ist in der heutigen Zeit ja schon fast ein UI-Cup-Platz von damals“, war „Klocki“ wie gewohnt zu Späßen aufgelegt – und versprach: „Ich werde bis zum 30.06. alles für meine Jungs tun, dass sie nächstes Jahr Oberliga spielen!“

"Männer, Oberliga!"

Michel Netzbandt konnte drei Treffer beim 7:0-Schützenfest seines FC Türkiye zum Saisonabschluss gegen Tornesch feiern. Foto: Heiden

Und nicht nur der seit sage und schreibe 16 Jahren beim FC Türkiye tätige Klock, der sein letztes Spiel in verantwortlicher Position für die Wilhelmsburger mit vielen Emotionen und auch Nervosität miterlebte, scheint sich seiner Sache sicher zu sein: „Männer, Oberliga!“, rief er seinen Schützlingen unmittelbar nach Schlusspfiff lautstark zu, als ihn die Spieler zur Verabschiedung in den Kreis baten (alle Highlights im LIVE-Ticker). „Als Michel Netzbandt letztes Jahr verlängert hat, hatte ich Tränen in den Augen. Als ich Luis Hacker bekommen habe, war ich stolz. Als Inan Türkad nach Hamburg gekommen ist, hat er zwei Wochen lang bei mir gewohnt. Da hat man dann natürlich eine mega enge Bindung zu dieser Mannschaft!“

"Solange kein Sonderfall vorhanden ist, bin ich mir sicher, dass wir drin bleiben"

Dreifach-Torschütze Michel Netzbandt (li.) und Elyesa Pekin in Jubelpose nach dem krönenden Kantersieg gegen Tornesch. Foto: Heiden

Auch Interimstrainer Benjamin Hübbe betonte: „Ich bin mir zu 100 Prozent sicher und wir haben das auch intern klar besprochen. Es gibt drei Regelabsteiger. Wenn Norderstedt auch noch runterkommen sollte, ist das natürlich ein Sonderfall. Aber solange kein Sonderfall vorhanden ist, bin ich mir sicher, dass wir drin bleiben – und dafür werden wir auch kämpfen! Das lassen wir uns nicht mehr nehmen“, erklärte er nach dem „extremen Kraftakt“ und vielen „sehr anstrengenden Tagen“ in den letzten Wochen. Tage, in denen Hübbe und sein „Co“ Faraz Farbin das fast schon gesunkene Schiff wieder zum Leben erweckten und eine eindrucksvolle Serie hinlegten.

Eine Serie mit Ansage – denn: „Ich habe vom ersten Tag gesagt, dass wir das definitiv sportlich schaffen werden! Ich bin einfach nur mega stolz und es fällt eine ganze Last von mir ab“, so Hübbe nach dem abschließenden 7:0-Kantersieg gegen einen im Rückzugs- und Defensivverhalten kaum Landesliga-tauglichen Gegner. Nach nicht mal 180 Sekunden schien die Partie bereits entschieden und der Abstieg des SV Rugenbergen (1:1 im Parallelspiel gegen HEBC) besiegelt. Tornesch-Torsteher Jean Love sorgte zunächst mit einem verunglückten Abschlag schon nach 40 Sekunden für den Rückstand durch Michel Netzbandt (1.) und ließ sich wenige Augenblicke später einen Freistoß von Luis Hacker aus 25 Metern zentral unter die Latte einschenken (3.).

"Würde den kleinen Hinweis geben, ein bisschen vorsichtiger zu sein

Mit warmen Worten wurde Klaus Klock (re.) nach der Partie im Teamkreis bedacht - und auch der scheidende Manager selbst richtete noch einige Sätze an das Team. Foto: Heiden

Der Rest war eigentlich nur noch ein Schaulaufen – und das im Schongang für die Wilhelmsburger. Zwar kam der Gast auch zu durchaus guten Chancen. Aber: Einerseits gab es kein Vorbeikommen an Goran Mihailovic und andererseits war die Rückwärtsbewegung so eklatant schlecht, dass es am Ende auch zweistellig hätte ausgehen können. Beraat Sarikaya, der schon das 1:0 auflegte, servierte Netzbandt auch das 3:0 auf dem Silbertablett (33.) und bediente Elyesa Pekin mustergültig vor dem 4:0 (54.). Ein Doppelschlag von Hacker, der nach einer kurz ausgeführten Türkad-Ecke trocken aus 18 Metern einschweißte (66.), und Türkad selbst nach einem Sololauf sorgten für das halbe Dutzend. Den Schlusspunkt setzte wiederum Netzbandt nach Türkad-Zuspiel mit dem Schlusspfiff (90.).

„So deutlich hätte ich es zwar nicht erwartet, aber ich war schon fest davon überzeugt, dass wir heute gewinnen werden, weil wir wussten, was auf dem Spiel steht“, so Hübbe. „Ich wollte nicht auf Rugenbergen schauen, sondern nur darauf, dass wir das Ding selbst gewinnen und es sportlich schaffen“, beschäftigte man sich so gut wie gar nicht mit dem Ergebnis aus dem Sportzentrum Bönningstedt. Apropos Bönningstedt: „Bei solchen Aussagen, wie Rugenbergen sie vor Wochen getätigt hat, würde ich dem nächsten Trainer vielleicht mal den kleinen Hinweis geben, ein bisschen vorsichtiger zu sein“, konnte sich Klock einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen – und spielte damit darauf an, dass SVR-Coach Nils Hachmann nach dem 3:0-Sieg gegen Cordi vor fast anderthalb Monaten meinte, dass sein Team vermutlich noch drei Punkte benötigen würde.

"Kann noch nicht so ganz aus mir herausgehen - ich will es schriftlich haben"

Der FC Türkiye bejubelt den Klassenerhalt! Oder etwa doch nicht? Das Schweigen des HFV lässt die Wilhelmsburger noch bangen. Foto: Heiden

Letztlich fuhr der SVR sogar noch fünf Zähler in eben jener Zeit ein – aber Türkiye zog mit Siebenmeilenstiefeln und einem bärenstarken Lauf noch an den „Hachmännern“ vorbei. „2008 hat mich Dogan Inam zum Verein geholt. In dieser Zeit haben wir viel geschaffen und erreicht. Aber so ganz kann ich noch nicht aus mir herausgehen, weil ich es schriftlich haben will, dass dieser Verein weiter in der Oberliga spielt. Dann kann ich, glaube ich zumindest, sagen, dass ich einen ganz guten Job gemacht habe“, bilanzierte Klock – und feierte mit seinem FC Türkiye den Klassenerhalt. Zumindest so weit wie möglich…

Autor: Dennis Kormanjos