Bezirksliga Süd

„Über meine Person habe ich wenig nachgedacht – es geht um die Jungs und den TuS Finkenwerder!“

15. September 2022, 06:08 Uhr

Erfolgreicher Einstand: Durch das 3:1 über HEBC II feierte der TuS Finkenwerder bei der Premiere von Jean-Pierre Richter als Interimstrainer den ersten Saisonsieg. Foto: privat

Es war die Nachricht am vergangenen Wochenende: Jean-Pierre Richter übernimmt interimsmäßig das Traineramt bei seinem Herzensverein TuS Finkenwerder. Der 35-Jährige, der zuletzt beim Hamburger Serienmeister TuS Dassendorf tätig war, hilft seiner „Jugendliebe“ nach fünf Niederlagen aus fünf Spielen beim Kampf gegen den Bezirksliga-Abstieg. Die Reaktionen: „Coolste Trainer-Geschichte in Hamburg seit Jahren“, wünschte nicht nur Richters ehemaliger Jugend-Trainer Thorsten Beyer seinem Ex-Schützling „viel Erfolg“ bei der neuen Aufgabe. Noch bevor der renommierte und Oberliga-erfahrene „JPR“ sein erstes Training leiten konnte, stand am Sonntag bereits das erste Pflichtspiel an. Mit 3:1 besiegte der TuS die „Zweite“ des HEBC, feierte den ersten Saisonsieg und bescherte dem Interims-Trainer einen absoluten Traum-Einstand! Am Dienstagabend leitete Richter sein „erstes Training nach über 14 Jahren auf dem Finksweg“ – und das auf Grand. Aber: „Die Jungs ziehen mit und es macht Spaß, weil wir auch privat alle gut miteinander auskommen.“ Wir haben mit „Jonny“ über seine neue Aufgabe gesprochen…

FussiFreunde: Als die Anfrage kam, ob du dir vorstellen könntest, das Traineramt in Finkenwerder interimsmäßig zu bekleiden – wie lange musstest du überlegen?

Jean-Pierre Richter beim "Coachen" in seinem ersten Spiel als Finkenwerder-Interimstrainer. Foto: privat

Jean-Pierre Richter: „Im Grunde ging alles sehr schnell! Die Notwendigkeit war kurzfristig gegeben und natürlich kann man einige Szenarien durchspielen, aber ich habe nicht lange überlegen müssen. Wenn mein Heimatverein, bei dem ich das Fußballspielen und meine Trainerkarriere angefangen habe, Hilfe benötigt, ich aktuell verfügbar bin und meinen Freunden im ‚Fußballwohnzimmer‘ vor meiner Haustür unterstützen kann, dann gab es keine große Überlegungszeit.“

Es ist ja alles andere als eine einfache Situation gewesen, in der du das Amt nun angetreten hast. Der TuS hat die ersten fünf Spiele allesamt verloren. Inwieweit macht man sich da im Vorfeld auf Gedanken darüber, dass man da als renommierter Trainer ein großes Risiko eingeht?

Richter: „Aus Verbundenheit zu meinen Freunden im Verein war ich die letzten Jahre eher als außenstehender Fan auf der Sportanlage in Finkenwerder, aber stets grob informiert. Durch einen Umbruch mit Abgängen guter Jungs (zum Beispiel: Rehder, Gloeden, Tangohong, Fischer, Pavic, Tshidibu) im Sommer sowie aktuellen verletzungsbedingten Ausfällen (Behrmann, Vollpott, Heimsoth, Mollenhauer) ist es natürlich auch keine einfache Phase in der Saison unmittelbar nach dem Start. Über meine Person habe ich dabei wenig nachgedacht! Es geht um die Jungs und den TuS Finkenwerder. Für mich war klar, dass ich helfe, da ich vereinslos und davon überzeugt bin, dass das Team besser als Platz 15 (Anm. d. Red.; Tabellenplatz vor dem Wochenende) war/ist.“

Wie waren die Reaktionen, die du erhalten hast, als dein Engagement bei deinem „Jugend- und Herzensclub“ bekanntgegeben wurde?

Zuletzt führte Richter die TuS Dassendorf zum nächsten Meistertitel, musste aber kurz vor Start in die neue Saison seinen Posten räumen. Foto: Bode

Richter: „Es gab von außen verschiedenste Reaktionen. Von Überraschung oder Irritationen, über ganz viel Zuspruch, bis hin zur coolsten Geschichte im Hamburger Amateurfußball seit vielen Jahren. Im Team wurde ich sofort begeistert aufgenommen, zumal ich ja auch kein typischer Außenstehender bin. Ich kenne fast alle seit Jahren/Jahrzehnten und habe viele Freunde im Team, was natürlich auch bei mir eine große Motivation und Begeisterung als Reaktion ausgelöst hat. Die beste ‚Reaktion‘ haben die Jungs am Sonntag auf dem Platz mit dem Sieg gegeben!“

Damit hast du es bereits angesprochen. Das erste Spiel unter deiner Regie wurde auf Anhieb mit 3:1 gewonnen – und dass, obwohl du noch nicht ein Training im Vorfeld leiten konntest. Wie hast du die Mannschaft auf die Partie vorbereitet und wie viel „Jonny-Fußball“ war schon zu sehen?

Richter: „Die Glückwünsche gebühren einzig den Jungs! Es ist vermessen – ohne Training und Vorbereitung – vom ‚Jonny-Fußball‘ zu sprechen. Es war ‚TuS Finkenwerder-Fußball‘! Sicherlich habe ich meine Ideen zu Spielern, Positionen, Taktik und so weiter eingebracht, allerdings haben vor allem die Jungs auf dem Feld sich selbst, dem Gegner und auch den Zuschauern über 90 Minuten gezeigt, was in ihnen steckt! Auch wenn die Voraussetzungen aufgrund der letzten Ergebnisse und verletzungsbedingten Ausfälle alles andere als vielversprechend aussahen, so haben die Jungs ihre Qualitäten gezeigt. Mit einer außergewöhnlichen Spielvorbereitung bei einem Event am Samstagabend, einem dem Team optimal angepassten Matchplan und einer leidenschaftlichen Umsetzung auf dem Feld wurden die ersten Punkte der Saison geholt.“

Wer sind und waren denn die Garanten auf dem Platz für den ersten Saisonsieg?

Dass er seinem Herzensverein in der schwierigen Lage hilft und interimsmäßig zur Seite steht, stand für "JPR" nie zur Diskussion. Foto: Bode

Richter: „Aus einer beeindruckenden Teamleistung sind die jahrelangen Leistungsträger wie der ‚MVP des Spiels‘ und Interims-Kapitän, Erik Rolf, und Abwehrchef Niklas Schulz vorangegangen und haben ihre Mitspieler geführt und besser gemacht. Torwart-Talent Justin Bollmann hat einmal mehr seine Qualität nachgewiesen. Dazu kommen die außerordentlichen Leistungen von Patrick Holst, ein ehemaliger Jugendspieler von mir, und auch über die Topleistung von Max Zelesniak und Jonah Rummel freue ich mich besonders, da ich die Jungs aus ihrer Zeit bei der Zweiten Herren, wo mein Vater jahrelang das Team betreut hat, kenne und sie zuletzt nicht immer gespielt haben. Beim 2:1 von Rolf hatte ich Gänsehaut.“

Die abschließende Frage, die natürlich kommen muss: Wie lange wirst du den Posten bekleiden und deinem Verein als Cheftrainer helfen und unterstützen?

Richter: „Generell ging es akut um eine schnelle, kurzfristige Unterstützung, solange ich frei beziehungsweise verfügbar bin, zu helfen. Das Ganze war von mir nicht geplant und ist im Moment erstmal kurzfristig angedacht. Der Verein und die Jungs sind informiert, dass es auch andere Anfragen gibt, ich allerdings auf bestimmte, höherklassige Optionen mit Perspektive schauen möchte. Das wurde so auch im Verein und an das Team kommuniziert. Ob es sich dabei um Wochen, vielleicht bis Winter oder sogar länger ergibt, dass ich in Finkenwerder meinen Teil zum Klassenerhalt beitrage, wird sich zeigen.“

Autor: Dennis Kormanjos

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