Oberliga

„Wenn es einem wehtut, 100 Prozent zu geben, dann ist einfach ein Punkt gekommen, wo man sagen muss: Bis hierhin und nicht weiter“

15. Juni 2022, 11:28 Uhr

Nach 14 Jahren im Verein hat Kevin Beese den SV Rugenbergen zum Ende der Saison verlassen. Foto: KBS-Picture.de

13. Mai 2022: Während es für den VfL Lohbrügge noch um die sportliche Zukunft und den Klassenerhalt in der Oberliga geht, bildet die Mannschaft des SV Rugenbergen in der 53. Spielminute ein Spalier und verabschiedet Kevin Beese von der Fußballbühne. Nach zwei Jahren in der Jugend und sage und schreibe zwölf Jahren in der Liga-Mannschaft der Bönningstedter nimmt der „Captain“ Abschied. Abschied von seinem Verein – und das nach insgesamt 14 Jahren!

In Bönningstedt hat Beese (re.) "eine unfassbare Ära" geprägt, wie selbst Chefcoach Michael Fischer meint. Foto: KBS-Picture.de

Selbst Rugenbergen-Coach Michael Fischer sprach im Nachgang von einer „unfassbaren Ära“ – und fügte an: „So etwas gibt es heutzutage ganz, ganz selten.“ Allerdings wusste „Fischi“ auch, dass er einen gewissen Anteil an Beeses Entscheidung, die Stiefel vorerst an den Nagel zu hängen, hat: „Für ihn lief die Saison natürlich bitter, weil der Trainer auf Spieler gesetzt hat, die ihm so ein bisschen den Rang abgelaufen haben. Da war er auch ‚not amused‘ drüber – und das kann ich auch total verstehen.“

"Kevin Beese ist ein unfassbares Vorbild!"

Und dennoch schwärmte der 54-Jährige in den allerhöchsten Tönen von seinem scheidenden Kapitän: „Was die Einstellung angeht, ist Kevin Beese ein unfassbares Vorbild! Er hat nie gemeckert, dass er draußen gesessen hat. Natürlich war er darüber ‚not amused‘. Aber: Wenn er reinkam, hat er sich immer voll reingehauen – für die Mannschaft. Er ist ein Teamplayer par excellence, wichtig für die Kabine, heizt die Leute ein, pusht, macht und tut. Auch wenn er auf der Bank sitzt, nimmt und reißt er die Jungs mit. Ich habe selten jemanden gesehen, der so integre diese Enttäuschung über die Entscheidung des Trainers hingenommen hat – und trotzdem, wenn er gebraucht wurde, immer da war. Deswegen ist es super schade, dass wir solch einen Typen und Menschen verlieren. Aber er hat sich für etwas anderes entschieden, was völlig legitim ist.“

Am 01. August 2008 begann die Reise von Kevin Beese im Sportzentrum Bönningstedt. Nach zwei Jahren in der Jugend habe er „Glück gehabt, dass ich bei Palapies reingerutscht bin“, gibt er sich ganz bescheiden. „Dann habe ich eine gute erste Saison gespielt – und daraus sind nun zwölf Jahre geworden“, erinnert er sich. 


Wir haben nach seinem letzten Spiel mit Kevin Beese über die Gründe für seinen Abschied beim SV Rugenbergen und Zukunftspläne gesprochen…

FussiFreunde: Was hat zu der Entscheidung geführt, nach 14 Jahren im Verein nicht weiterzumachen?

Es sei "nicht mehr das, was es mal war", sagt Beese - und will sich erstmal eine aus nehmen. Foto: KBS-Picture.de

Kevin Beese: „In der ersten Saison unter Herrn Fischer habe ich gespielt, auch gut gespielt. Die zweite Corona-Pause hat mir vielleicht körperlich nicht so gutgetan. Aber die Einsatzzeit, die ich diese Saison bekommen habe, zeigt so ein bisschen, wie momentan das Verhältnis zwischen Trainer und mir ist – und auch, wie er andere Spieler sieht. Vielleicht bin ich durch Ralf Palapies ein bisschen zu verwöhnt. Denn die letzten Jahre waren schwierig im Verein. Wir haben immer gegen den Abstieg gespielt, viele haben sich rausgezogen. Es hieß immer: Das ist eine Familie. Und das ist es für mich auch. Das haben wir auch in der Rückrunde gezeigt, dass wir eine Familie sind. Es ging immer um die Mannschaft. Es hat aber gedauert, bis das Team verstanden hat, dass es ein Team ist – und der Trainer ein Trainer ist. Das ist leider nicht mehr das, was es mal war für mich. Ich gebe immer alles – auch wenn ich auf der Bank sitze. Aber ich glaube, auch die Auswechslung so kurz nach der Halbzeit hat gezeigt: Ich kriege zwar das Spiel, auch die Binde – aber nicht den Zuspruch, ein guter Fußballer zu sein.“

Deshalb der Entschluss, „deinen“ Verein zu verlassen?

Beese: „Die Quintessenz ist einfach: Ich muss den Fußball für mich neu einsortieren. Im Oktober waren wir mit Abstand die schlechteste Mannschaft. Ich glaube, nur Tornesch war noch schlechter. Dann verlieren wir gegen die, ich hatte Corona – und dann hat sich mir die Frage gestellt: ‚Was machst du jetzt?‘ Und ich habe einfach gemerkt, dass ich unter der Woche bis nachts um drei Uhr wach liege, weil ich mir Gedanken darüber mache, dass wir absteigen können mit der Truppe und das einfach nicht sein kann, weil wir so viel besser als andere Mannschaften sind. So habe ich für mich schon zum Winter entschieden, dass ich mal gucken muss, was mir der Fußball noch bedeutet. Da habe ich mir schon gesagt: Ich ordne das alles anders ein und gebe nicht mehr alles darauf, auf dem Feld zu stehen. Natürlich gebe ich im Training alles und auch alles für die Truppe – wie immer. Aber ich beschäftige mich eben nicht mehr so sehr damit, was der Trainer entscheidet. Ich habe immer Vollgas geben! Aber es ist jetzt zu einer Entscheidung gekommen, dass ich mal drei, sechs oder auch zwölf Monate Pause machen werde. Ich habe mich auch beruflich umgeschult und muss mal gucken, wie viel Zeit noch für den Fußball da ist. Weil: Wenn ich was mache, dann zu 100 Prozent! Das habe ich 14 Jahre lang gemacht. Aber: Wenn es einem wehtut, 100 Prozent zu geben, man nach Hause fährt und nicht schlafen kann, weil sich das nicht richtig anfühlt, dann ist einfach ein Punkt gekommen, wo man sagen muss: Bis hierhin und nicht weiter. Dass ich 100 Prozent für die Jungs brenne, hat man, so glaube ich, die ganze Saison über gesehen.“

Auch dein Trainer hat betont, wie professionell du die Entscheidungen hingenommen und dich stets in den Dienst der Mannschaft gestellt hast – trotz der Umstände. Wie schwer ist es dir denn gefallen, immer „gute Miene“ zu machen?

Eines der Highlights in seiner Zeit beim SV Rugenbergen: Die Trainingslager auf Mallorca, so Beese. Foto: KBS-Picture.de

Beese: „Er ist in der Position, in der er eine Entscheidung treffen muss. Das gehört nun mal dazu. Ich sage ja auch nicht, dass ich besser bin als andere Fußballer. Aber es ist halt einfach der Umgang miteinander. Ich bin auch Teil des Mannschaftsrates gewesen, habe mir natürlich auch die Probleme anderer Spieler zu Herzen genommen. Und irgendwann bringt man es dann auch mal zur Sprache. Aber im Endeffekt ist es ein Hobby, es muss mir Spaß bringen und ich muss etwas zurückbekommen, was ich nicht mit nach Hause transportiere. Und wenn das dann mit Anfang 30 die Freundin zu Hause abkriegt, dann macht man was falsch. Deswegen ist der Fußball für mich erstmal ad acta gelegt. Aber ich möchte den Verein nicht verlassen. Hier ist ganz, ganz viel, was ich in all den Jahren mitgemacht habe. Ich kenne hier jeden, jeder kennt mich – und ich möchte hier nicht weg. Aber vielleicht muss ich woanders Fußball spielen. Ich weiß es aber noch nicht.“

Das heißt: Bei dir ist tatsächlich noch gar keine Entscheidung gefallen, wie und ob es für dich irgendwo fußballerisch weitergeht?

In Bönningstedt hat sich Beese in 14 Jahren und als "absolutes Vorbild" einen Namen gemacht - auch bei den ganz jungen Kids. Foto: KBS-Picture.de

Beese: „Nein. Natürlich kommt die eine oder andere Anfrage, wo man dann sagt: Da können wir mal in naher Zukunft drüber reden. Ich weiß auch nicht, welche Liga. Das kann auch ganz unten irgendwas sein. Ich gucke einfach mal irgendwann in Richtung Winter, wenn ich mich auch körperlich wieder in einen Zustand gebracht habe, wo ich sagen kann, ich bin topfit. Und dann ist mir auch völlig egal, ob ich in der Kreisklasse, in der Bezirksliga oder in der Oberliga spiele. Das Wichtigste ist für mich: Ich muss Spaß dabei haben, mich wohlfühlen und eine Familie finden. Ob’s vielleicht sogar die ‚Zweite‘ hier im Verein ist, wird sich zeigen. Dementsprechend lautet meine Prämisse, erstmal Pause zu machen und mir die Zeit für Privates zu nehmen – und dann zu gucken, was einem der Fußball bedeutet. Denn man kennt es ja, wenn man immer drei- bis viermal die Woche Training hat oder auf dem Platz steht, dann ist da ja eigentlich nie Zeit für etwas anderes. Aber ich bin jetzt 31 Jahre jung – da ist noch viel Luft. Und auch bei den Alten Herren laufen viele Jungs von damals herum. Aber: Ich werde nicht aufhören mit Fußball. Denn dafür bedeutet mir das zu viel.“

Abschließend: Wenn du auf die 14 Jahre zurückblickst und ein paar Highlights herauspicken müsstest, was würde dir da auf Anhieb in den Sinn kommen?

Zuletzt erhielt Beese (li.) aber nicht mehr den Zuspruch von seinem Trainer, weshalb er sich nun zum Abschied entschieden hat. Foto: KBS-Picture.de

Beese: „Da gibt es tatsächlich einige Momente. Der letzte Hamburger Hallenmeister zu sein, als wir gerade noch als Neunter reingerutscht sind und dann als absoluter Underdog vollkommen verdient mit einer überragenden Leistung das Ding gewonnen haben, womit keiner gerechnet hätte, war etwas Besonderes. Da haben wir einen geilen Fußball gespielt und ich glaube, auch das erste Mal gezeigt: Wir sind was. Dann gab es noch die Saison, wo wir Fünfter geworden sind. Da hieß es immer: Rugenbergen hat von Oktober bis März keinen Platz zum Trainieren und kann nur Laufen gehen – und dann hast du in 60 Tagen 21 Spiele und holst, ich glaube, 54 von 63 möglichen Punkten und wirst Fünfter. Das war ein Highlight. Auch die Trainingslager auf Mallorca oder im Sommer nach Almelo zu Nico-Jan Hoogma zu fahren. Das sind so Sachen, die werde ich niemals vergessen. Ich habe hier mit Dennis Schultz (scheidender Torwart-Trainer) zusammen angefangen und wir haben damals sogar noch die Aufführung noch zusammen gemacht. Und jetzt hören wir beide gemeinsam auf. Natürlich war er zuletzt kein aktiver Spieler mehr, aber das sind so Sachen, die begleiten einen. Und vor allem die sehr, sehr vielen Freundschaften. Ich glaube und bin mir relativ sicher: Jedes Mal, wenn ich hier wieder herkomme, dann habe ich viele Gesichter, die sich darüber auch freuen werden.“

Die Verabschiedung von Kevin Beese im Video:

Autor: Dennis Kormanjos

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