Oberliga-Abstiegsrunde

Erst Chancenwucher, dann ein „Gurkending“ – „Wenn man vorne die Dinger nicht macht und hinten Geschenke verteilt…“

18. April 2022, 18:07 Uhr

Nach seinem Tor zum 3:0-Endstand musste Cristopher Rieder (2. v. li.) von den Teamkollegen "Haue" einstecken. Foto: KBS-Picture.de

„Wenn man vorne die Dinger nicht reinmacht und hinten Geschenke verteilt, dann kannst du halt nicht gewinnen. Das ist nun mal so“, fiel das Fazit von Sidnei Marschall äußerst ernüchternd aus (alle Highlights im LIVE-Ticker). Der Trainer des Hamm United FC sprach mit jener Aussage vor allem auf eine Szene an: „Wir stehen alleine vorm Torwart und müssen das Tor machen!“ Stattdessen kam es ganz anders…

Aus wenigen Metern vergibt Alessandro Damaschke (Mi.) ohne jegliche Gegenwehr die Hamm-Führung. HSV III-Keeper Eymen Usta rettet stark! Foto: KBS-Picture.de

Die zweiten 45 Minuten waren noch keine 60 Sekunden alt, als Alessandro Damaschke das riesengroße Kunststück vollbrachte – nach einem bärenstarken Spielzug über Amir Miry und Rodrigo Baroni –, das Runde aus drei Metern nicht im Eckigen unterzubringen. Rothosen-Keeper Eymen Usta verhinderte den Einschlag mit einem herausragenden Reflex. Und sofort lief der prompte Gegenzug. Manuel Brendel schüttelte seinen Gegenspieler ab, passte scharf vors Tor, wo Dimitri Patrin klären wollte. Aber: Sein Querschläger fand vom Innenpfosten den Weg ins eigene Tor – 0:1 (47.)!

So groß der Frust auf der einen Seite war, so groß war die Freude bei der HSV-Drittvertretung. „Es ist einfach schön zu sehen, dass zurzeit viele Sachen funktionieren und so ein ‚Gurkending‘ dann auch mal reinfällt“, zeigte sich Marcus Rabenhorst erleichtert. In die gleiche Kerbe sprang Trainer-Pendant Christian Rahn: „Momentan haben wir das Spielglück ein bisschen auf unserer Seite, dass wir solche ‚Gurkentore‘, wie wir es heute geschossen haben, nicht mehr kriegen.“ Und mit Eymen Usta eben auch einen Mann zwischen den Pfosten, „der wieder ein, zwei richtig Gute gehalten hat“, lobte Rahn seinen Schlussmann.

Chancenwucher hüben wie drüben

Während sich Damaschke noch die Haare rauft, schlägt es auf der anderen Seite ein... Foto: KBS-Picture.de

Denn der Reihe nach. Erst traf Manuel Brendel nach einem herausragenden Spielzug den Pfosten (4.), dann scheiterte Dominik Jordan nach feinem Querpass von Sepehr Nikroo aus allerkürzester Distanz an Victor Medaiyese (5.). Zwei Riesenchancen für die Rothosen in der unmittelbaren Anfangsphase – doch die Antwort der „Geächteten“ ließ nicht lange auf sich warten. Zunächst beförderte Eliakim Kukanda die Kugel nach einem Miry-Schuss an den Pfosten (6.), ehe Amir Miry das Leder aus 16 Metern nur knapp am langen Eck vorbei zielte (12.). Nach kurzer Erholspause war es schließlich Nikroo, der Brendels Vorarbeit auf dem Silbertablett nicht zu nutzen wusste, sondern das Spielgerät aus neun Metern über das komplett verwaiste Gehäuse jagte (24.) – unfassbar!

"In der ersten Halbzeit kann es auch 3:3 stehen"

Mohamed Abd El Aal Ali (Mi.) nimmt aus der Distanz Maß... Foto: KBS-Picture.de

Und es ging weiter mit dem Chancenwucher – aber auf der anderen Seite. Kukanda „streichelte“ die Kugel nur um Zentimeter am langen Toreck vorbei (37.). Die nachfolgende Ecke nickte Francis Gyimah völlig freistehend knapp neben das Gehäuse (38.). Doch das war's noch nicht. Direkt nach Wiederanpfiff kam der „Tausendprozenter“ von Damaschke, der das unmittelbare 0:1 zur Folge hatte. Doch zurück zum ersten Durchgang: „Wir haben in der ersten Halbzeit viel liegen gelassen, aber auch sehr viel zugelassen. Das war ein offener Schlagabtausch“, konstatierte Rabenhorst. Sein Gegenüber befand: „In der ersten Halbzeit kann es auch 3:3 stehen. Die hatten Chancen, wir aber auch. Das Spiel war sehr ausgeglichen.“

Traumtor von "Momo" nimmt Hamm den Wind aus den Segeln

... und lässt den etwas zu weit vor dem Tor postierten Victor Medaiyese vergeblich fliegen. 0:2! Foto: KBS-Picture.de

Nach dem Rückstand wirkten die Marschall-Mannen allerdings geschockt – und mussten in Minute 66 das zweite Gegentor schlucken. Mohamed Abd El Aal Ali hämmerte eine Jordan-Vorlage per „Dropkick“ aus 22 Metern rechter Position ins lange Eck und über Medaiyese hinweg – ein Sahnetor! Die Partie war entschieden – und der Gast legte nach. Marcell Jansen steckte keine 240 Sekunden nach seiner Einwechslung für Cristopher Rieder durch. Aus 13 Metern halblinker Position schloss der linke Verteidiger trocken ins lange Eck ab – 0:3 (76.)!

"Die wollen alle Oberliga spielen – aber wo?!"

Doch der HUFC-Coach zeigte sich nicht nur über die Entstehung des ersten Gegentores überaus verärgert, sondern stellte auch fest: „Vor dem 0:2 haben wir den Ball und verdaddeln ihn in unserer Hälfte. Das 0:3 resultiert aus einem Einwurf von uns. Mehr Geschenke gehen einfach nicht!“, echauffierte sich Marschall – auch über die Einstellung einiger seiner Spieler: „Die wollen alle Oberliga spielen – aber wo?! Wir haben heute von 27 Spielern gerade mal so 14 Leute zusammengekriegt…“ Man habe „schon kein Glück und dann kommt auch noch Pech dazu“, haderte „Sid“, der mit seinen „Hammern“ mehr denn je um den Klassenverbleib bangen muss. „Das ist eigentlich nicht mein Ziel oder das, was ich wollte. Das tut einfach nur weh, zu sehen, dass wir da unten nicht rauskommen. Aber wenn wir so spielen, hat man es auch nicht anders verdient.“

"Glaube trotzdem noch nicht, dass wir komplett gerettet sind"

Kunstschütze Abu El Aal Ali (Mi.) drehte jubelnd ab und formte in Richtung Tribüne ein Herz. Foto: KBS-Picture.de

Die Rothosen befinden sich mit 27 Punkten hingegen im ziemlich sicheren Fahrwasser. Aber: „Ich glaube trotzdem noch nicht, dass wir komplett gerettet sind. Dafür sind einfach noch zu viele Paarungen offen und die Tabelle ist ein bisschen verzehrt. Ich gehe davon aus, dass man mindestens 30 Punkte braucht, um zu sagen, das reicht definitiv. Aber es war auf jeden Fall ein richtig, richtig guter Schritt und ein extrem wichtiger Sieg“, bilanzierte Rabenhorst.

Autor: Dennis Kormanjos

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