Fußball verrückt: Vier gewinnt – nicht!

Frust und Freude liegen beim 4:4 zwischen „Vicky“ und Rugenbergen eng zusammen

17. November 2016, 23:20 Uhr

Voller Einsatz: Vickys Pascal El-Nemr (re.) und Rugenbergens Raoul Bouveron kämpfen um den Ball. Foto: noveski.com

Da schießt man schon mal Tore wie am Fließband und am Ende reicht es doch nicht. Ein Umstand, der zwar selten vorkommt, doch der SC Victoria und der SV Rugenbergen brachten es in der vorgezogenen Partie des Spieltags vom Wochenende tatsächlich fertig. Beiden Mannschaften gelang es, auf dem Rasen an der Hoheluft den Ball jeweils vier Mal in des Gegners Netz. Vier Treffer für den Frust und vier für die Freude quasi. „Mit ein bisschen mehr Glück holst du hier drei Punkte“, war bei Rugenbergen-Coach Ralf Palapies die Gefühlslage nach dem 4:4-Remis ebenso zwiegespalten wie bei Gegenüber Jasmin Bajramovic: „Wir müssen lernen, in so einem Spiel einfach auch mal frühzeitiger den Sack zuzumachen...“  

Marcus Rabenhorst erlebte binnen weniger Augenblicke ein vollkommenes Auf und Ab. Gerade noch war der Abwehrchef und Kapitän des SC Victoria auf den Schiedsrichter-Assistenten zugestürmt und hatte diesem lautstark und gestenreich zu verstehen gegeben, dass er einige Sekunden zuvor die Fahne hätte heben müssen. Dann jedoch riss „Rabe“ nur wenig später genauso emotional berührt die Arme zum Jubeln nach oben. Zwischen den beiden Szenen lagen ganze zwei Zeigerumdrehungen und irgendwie passte dieser irre Schluss zu diesem verrückten Spiel, das die 139 Zuschauer im Stadion an der Hoheluft zu sehen bekamen.

Bajramovic: „Meine Spieler sagen, das 4:3 war Abseits“

Die Spieler des SV Rugenbergen bejubeln das 1:0, Victorias Torhüter Victor Medaiyese guckt konsterniert. Foto: noveski.com

Der Ursprung für die erste Szene Rabenhorsts ereignete sich in Minute 86: Rugenbergens Dennis von Bastian flankte den Ball von rechts in den Strafraum. Dort landete der Ball bei Lars Schulz, der das Spielgerät über die Linie drückte. Aus einer klaren Abseitsposition, wie nicht nur Rabenhorst sondern auch diverse seine Teamkollegen anschließend monierten. „Ich weiß nicht, ob der Schütze bei dem Treffer im Abseits steht. Meine Spieler sagen, dass es definitiv so war“, erklärte SCV-Coach „Jasko“ Bajramovic nach dem Spiel. Sei's drum: Schiedsrichter Murat Yilmaz (FC Türkiye), der nur Rabenhorst für sein Meckern nach eben jenem Treffer den gelben Karton zeigte und ansonsten ohne Karte auskam, entschied auf Tor. Damit führte Rugenbergen mit 4:3 und sah wie der Sieger aus.

Doch nur kurz. Denn da war ja noch jene Szene, die Rabenhorsts Jubel begründete: Die Hausherren schlugen den Ball in der 88. Minute noch einmal lang nach vorne, wo mit Marius Ebbers und dem eingewechselten Tarek Abdalla gleich zwei potenzielle Abnehmer warteten. Ebbers war derjenige, der an die Kugel kam – doch er scheiterte an SVR-Goalie Dennis Schultz. Nur gut aus Sicht der Victorianer, dass der von Schultz abgewehrte Ball bei Abdalla landete und dieser ihn über die Linie drückte. 4:4 – damit hatte der SCV es in nahezu letzter Minute geschafft, wenigstens noch einen Punkt an der Hoheluft zu behalten. Zum Leidwesen von Rugenbergens Übungsleiter Ralf Palapies, „Man kann den letzten Ball auch besser verteidigen. Mit ein bisschen mehr Glück holst du am Ende hier drei Punkte“, konstatierte „Pala“, während sich auch Bajramovic auf der anderen Seite trotz des Punktgewinns ärgerte. Sein Grundtenor: „Wir müssen lernen, in so einem Spiel einfach auch mal frühzeitiger den Sack zuzumachen.“

Bajramovic: „Haben den Gegner in den letzten 15 Minuten in die eigene Hälfte gedrängt“

Kurioser Treffer: Der Schuss von Rugenbergens Patrick Hoppe klatschte hinter Schlussmann Victor Medaiyese (li.) gegen beide Pfosten und kullerte denn über die Linie. Foto: noveski.com

Damit spielte der SCV-Trainer auf die 50. Minute an, als Marius Ebbers beim Stand von 3:2 für „Vicky“ das vierte Tor für die Gastgeber auf dem Fuß hatte, sein Schuss nach einem Zuspiel von Mirco Bergmann jedoch am Tor vorbeiging. Im Gegenzug markierte Dennis von Bastian dann völlig blank das 3:3. „Wir haben den Gegner in den letzten 15 Minuten in dessen eigene Hälfte gedrückt“, präzisierte Bajramovic noch einmal seinen Wunsch danach, die Partie frühzeitiger zu entscheiden. Doch andersherum hatten die Hausherren im zweiten Durchgang auch das Glück auf ihrer Seite: Nach 61 Minuten hatte Pascal Haase SCV-Schlussmann Victor Medaiyese schon ausgespielt und wurde dann in höchster Not doch noch von Torben Wacker geblockt, nach 70 Minuten zischte zudem von Bastians Schuss nur knapp vorbei.

Das hatte freilich auch Bajramovic gesehen und vergaß nicht, es zu erwähnen. „Für die Zuschauer ist so ein 4:4 sicher ein schönes Spiel. Da scheint die Offensive mehr richtig gemacht zu haben als die Defensive. Unser Problem war, dass wir zu viele individuelle Fehler produziert haben, die Rugenbergen gnadenlos bestraft hat. Wir waren in manchen Aktionen leider einfach nicht handlungsschnell genug“, resümierte der Coach der Victorianer und lag richtig: Zwei dieser Aktionen nutzte Rugenbergen schon vorm Seitenwechsel. Die eine in der achten Minute, als Jan Melich zum 1:0 traf. Die andere, als Patrick Hoppe nach 27 Minuten mit einem „Ping-Pong-Tor“ für das zwischenzeitliche 2:1 des SVR sorgte: Sein Schuss prallte erst an den linken und dann an den rechten Pfosten und kullerte schließlich über die Linie.

Papalpies: „4:3 in der 86. Minute – das muss eigentlich reichen“

Nicht zu fassen: Rugenbergens Jan Düllberg (re.) und Keeper Dennis Schultz sind nach dem Treffer zum 4:4 restlos bedient. Foto: noveski.com

Immerhin: Vicky schlug bis zum Pausentee ein Mal mehr zurück. Das 0:1 beantwortete Vincent Boock nach 24 Minuten mit dem 1:1, als er im Anschluss an eine Flanke von Sergej Schulz und eine Brust-Ablage von Ebbers erfolgreich war. Das 1:2 konterte Danial Jadidi, der Schulz' Ecke nach 34 Minuten zum 2:2 einköpfte. Apropos Ebbers: Bevor genau der nach dem Seitenwechsel das 4:2 vergab, hatte er noch in Durchgang eins im Anschluss an eine Flanke von Julian Schmid das Leder zum 3:2 für „Vicky“ über die Linie gedrückt. 


Auf der anderen Seite bekannte Ralf Palapies: „Ich habe irgendwann aufgehört, unsere Chanen zu zählen.“ Denn so wie nach dem Seitenwechsel waren selbige auch vor der Pause alles andere als Mangelware. Im Gegenteil, es waren einige: Haase zielte gleich zwei Mal drüber (13., 15.), musste sich nachher von Palapies anhören, dass es bei ihm „im Moment nicht ganz so gut läuft. Er hat gerade wieder so eine Phase“ – und dann war in der 39. Minute auch noch Torben Wacker den entscheidenden Schritt schneller als eben jener Haase.

„Insgesamt war das für die Zuschauer ein interessantes Spiel. Ich muss allerdings sagen: Wenn man in der 86. Minute das 4:3 macht, dann muss das auch reichen. Zur Halbzeit hätte ich ein Remis unterschrieben, weil wir in Rückstand lagen und etliche Chancen liegengelasen haben. Unser Defensivverhalten in der ersten Halbzeit war nicht gut, da haben wir zu viele Fehler gemacht. Später war das besser“, gab es in Palapies Seelenzustand ebenso zwei Welten wie bei „Jasko“ Bajramovic. „Rugenbergen ist keine Mannschaft, die man mal eben im Vorbeigehen schlägt. Aber wenn man ganz oben dabei sein will, dann muss man so ein Spiel gewinnen“, beschied er, nachdem er zuvor minutenlang mit Marcus Rabenhorst das Spiel analysiert hatte. Und dass auch Rabenhorst sich mit verschiedenen Emotionen bestens auskennt, hatte er ja in der 86. und 88. Minute schon bewiesen...

Jan Knötzsch 

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