Oberliga

Vor 1393 Zuschauern: Behrmann zieht „spielentscheidende Situation“ – und dann trocken ab!

22. April 2023, 19:43 Uhr

Altona 93 feiert in Überzahl einen knappen 3:2-Sieg gegen HEBC und bejubelt den "Dreier" mit 1393 Zuschauern auf der AJK. Foto: Kormanjos

Während Andreas Bergmann auf Nachfrage entgegnete, dass er „nicht glaubt, dass der Platzverweis komplett spielentscheidend war“, hatte Özden Kocadal eine ganz andere Meinung: „Ja, das war auf jeden Fall der Knackpunkt des Spiels! Ich fand, dass wir – insbesondere bis zum Platzverweis – mega gut drin waren.“ So gut, dass man den Altonaer Fussball-Club bis zu eben jener 57. Spielminute zu großen Problemen zwang. Doch dann kam es zu der bereits angesprochenen Szene, die ohne Zweifel entscheidenden Einfluss auf den Fortgang der Partie hatte.

Arisch Butt kam gegen Theo Behrmann rechts auf Höhe des Strafraumecks einen Schritt zu spät. Schiedsrichter Gerhard Alexander Ludolph, der ansonsten einen tadellosen Job machte, zeigte dem bereits gelbverwarnten HEBC-Akteur daraufhin den gelb-roten Karton (57.)! „Ich will da gar nicht wertend reingehen, sondern erkläre einfach mal, wie ich es gesehen habe“, so Kocadal, der ausführte: „Arisch kommt vor dem Gegenspieler an den Ball, rutscht oder stolpert mit der Sohle über den Ball und trifft dann wahrscheinlich den Gegenspieler. Ich weiß nicht, wie das von den Regeln ist. Aber für mich ist im Endeffekt wichtig: Er ist vor dem Gegenspieler am Ball und es war auch kein krasses Tempo, wie er in den Ball reingeht. Der Platz ist nun mal rutschig und es war keineswegs so, dass er von der Aggressivität eine Verletzung des Spielers in Kauf genommen hat, sondern es ging einzig und allein darum, vor ihm an den Ball zu kommen. Und das war so. Für mich reichte die Intensität gar nicht aus für eine Gelb-Rote Karte.“

Vor 1393 Zuschauern: Behrmann zieht (ab) - und trifft

Die Gelb-Rote Karte kurz nach der Pause gegen Arisch Butt war laut HEBC-Coach Özden Kocadal "der Knackpunkt des Spiels". Archivfoto: noveski.com

Aber: Fortan musste der Gast aus Eimsbüttel vor der überaus imposanten Kulisse von sage und schreibe 1393 Zuschauern auf der alt-ehrwürdigen Adolf-Jäger-Kampfbahn in Unterzahl agieren. Warum Bergmann jene Tatsache aber nicht unbedingt als Vorteil ausmachte, begründete er wie folgt: „Es kann immer dazu führen, dass der Gegner tiefer steht, man sich dadurch, weil man noch mehr Druck ausüben will, naiver anstellt und vielleicht in einen Konter läuft.“ Stattdessen sorgte ausgerechnet Behrmann, der die Ampelkarte „herausholte“ und kurz vor der Auswechslung stand, beim Stand von 1:1 für den wohl vorentscheidenden Punch.

Weil HEBC-Fänger Nils Ahmann ein Freistoß durch die Hände glitt, ein Eckball die Folge war – und der Gast nach der Klärung nicht entschieden rausrückte, schweißte der Außenverteidiger das Leder aus 25 Metern ins rechte untere Eck (63.) Allerdings wirkte der Schuss trotzdem nicht komplett unhaltbar. „Ich mache dem Torwart insofern keinen Vorwurf, weil ich das Gefühl hatte, dass sich der Ball immer weiter vom Tor weggedreht hat. Viel eklatanter ist, dass wir nicht rausrücken. Es ist ein geklärter Ball und eigentlich ist ganz klar angesagt – insbesondere heute – dass wir dann Druck auf den Ballführenden ausüben müssen. Und das war in der Phase nicht der Fall“, haderte Kocadal. Während Behrmann anschließend vom Platz durfte. „Wir wollten ihn schon rausnehmen. Es war geplant, dass Mika (Feigenspan, Anm. d. Red.) kommt. Dass er dann noch diese Situation hat, ist natürlich umso schöner“, freute sich Bergmann für Behrmann.

Borgmann erhöht, Palo verkürzt - aber zu spät

Erst zog er den Platzverweis und dann trocken - obwohl er schon kurz vor der Auswechlsung stand - aus 25 Metern ab. Damit erzielte Theo Behrmann das wichtige 2:1. Archivfoto: noveski.com

Der AFC, der durch einen Abspielfehler im Aufbau von Berk Dzhevdet und einem Steckpass von Bujar Sejdija durch Jeremy Wachter früh in Führung ging (6.), hatte nun durch Sejdija die Vorentscheidung auf Kopf und Fuß. In Minute 78 war es schließlich Marcus Borgmann, der nach einem lang gezogenen Freistoß von Kapitän Fynn Rathjen und mustergültiger Ablage von Wachter auf 3:1 stellte! Aber die Eimsbütteler, die noch vor der Pause nach einem kapitalen Querschläger von Yannick Petzschke in Person von Tjorven Köhler, der das Geschenk dankend annahm, zum Ausgleich kamen (41.), schlugen in der Nachspielzeit noch einmal zurück. Erciyes Palo hämmerte – nach Foul von Steffen Neelsen an Janek Bundt – einen 17-Meter-Freistoß staubtrocken ins linke Eck (90. +2)! Aber: Zu spät!

"Der ganze Plan war mit dem Platzverweis über den Haufen geworfen"

Enttäuschte Gäste nach dem Schlusspfiff: In Gleichzahl wäre für den HEBC beim AFC vor eindrucksvoller Kulisse definitiv mehr drin gewesen. Foto: Kormanjos

„Wir hatten uns in der zweiten Halbzeit vorgenommen, eine kleine Pressing-Falle zu stellen. Deswegen wirkte es vielleicht so, dass wir einen Gang zurückgeschaltet haben. Aber das war gar nicht der Fall. Wir hatten in den Räumen, wo wir Ballgewinne erzielen wollten, diese Ballgewinne und auch die Pressing-Momente. Aber im Endeffekt war der ganze Plan mit dem Platzverweis über den Haufen geworfen“, so Kocadal. „Danach hatten wir uns vorgenommen, das Ergebnis zu verwalten und in den letzten 15 Minuten nochmal Gas zu geben. Leider haben wir in der Verwaltungsphase nach einem Standard, wo wir wissen, dass Altona da brutal stark ist, ein Tor kassiert. Natürlich ist das doof und schade, dass das Spiel so entschieden wird.“

Trotz Niederlage: "Das hat Mut und Freude gemacht"

Denn: „Für uns war das ein absolutes Highlightspiel, auf das wir uns wirklich sehr gefreut haben. Wir sind es auch sehr mutig angegangen und ich hatte das Gefühl, dass Altona in der ersten Halbzeit nicht so richtig wusste, wie sie uns hindern wollen, in Tornähe zu kommen. Dieser Mut hat auch dafür gesorgt, dass wir nach einem Aufbaufehler ein Tor kassieren. Das passiert und ist in Ordnung“, sprach der HEBC-Coach damit darauf an, dass viele junge Spieler bei seiner Equipe auf dem Platz standen. Auch deshalb bilanzierte er trotz der Niederlage: „Ich bin absolut froh und stolz über diese Darbietung – und hätte gerne gesehen, was passiert wäre, wenn wir mit elf Mann hätten zu Ende spielen dürfen. Denn wir hatten natürlich auch Ideen, wie wir nochmal wechseln wollen und Schwung in die Partie bringen können. Das ist bitter. Aber die erste Halbzeit macht sehr viel Mut. Wir haben auf einem schwierigen Platz sehr gut kombiniert, geil rausgespielt und hatten drei Abschlussvarianten – ich habe alle gesehen. Das hat Mut und Freude gemacht.“

Ohne Top-Torjäger: "Fußballerisch nicht unser bester Tag"

Altona-Trainer Andreas Bergmann sah "nicht die beste fußballerische Leistung" seiner Mannen, durfte sich am Ende aber über weitere drei Punkte freuen. Archivfoto: noveski.com

Währenddessen konstatierte sein Gegenüber: „Unterm Strich muss man sagen, dass das fußballerisch nicht unser bester Tag war. Aber das Gute ist: Trotzdem hatten wir den Einsatz und auch noch die spielerischen Elemente, um als Sieger vom Platz zu gehen – obwohl wir nicht so in unsere Abläufe gekommen sind und auch nicht den Fußball gezeigt haben, den wir sonst zeigen.“ Ein weiteres Manko: Mit Kevin Prinz von Anhalt und Michael Gries fielen die beiden Top-Torjäger aus – und werden nach Einschätzung von Bergmann auch noch länger fehlen. „Und ‚Jerry‘ (Wachter, Anm. d. Red.) war die ganze Woche krank.“ Umso bedeutender: Die drei Punkte.

Autor: Dennis Kormanjos