Wenn die Normalform sechsfach fehlt und der Sonnengott Hildesheimer ist

Altona 93 verliert gegen das bisherige Schlusslicht mit 0:3

01. Oktober 2017, 17:50 Uhr

AFC-Coach Berkan Algan haderte mit dem Auftritt seiner Mannschaft und dem Resultat. Foto: KBS-Picture

Der Schlachtruf der Fans von Altona 93 ist bestens bekannt. Selbst über die Grenzen Hamburgs hinaus: Die Zahlenkolonne „91, 92, 93“ und dann das lang gezogene „Altona“ hinten dran. Legendär. Nach dem heutigen Regionalliga-Heimspiel gegen den VfV Borussia 06 Hildesheim hätte man diesen Gesang allerdings auch umdichten können: „0:1, 0:2, 0:3 – Altona.“ Denn genau das war am Ende das Ergebnis: Mit 0:3 unterlag der AFC vor 1107 Zuschauern gegen den bisherigen Tabellenletzten, der in der laufenden Saison noch nicht ein einziges Spiel gewonnen und nur zwei Treffer erzielt hatte. Nun kamen drei dazu – sowohl Zähler als auch Tore. Und bei letzteren hätten es sogar noch mehr sein können. Entsprechend schlecht war es um die Stimmung im Lager der Gastgeber bestellt...

Berkan Algan machte erst einmal dicke Backen und lauschte den Sätzen, die Jörg Goslar, der Coach der Borussia, für die vorangegangenen 90 Minuten fand. Dann, als ihm AFC-Pressesprecher Andy Sude das Wort erteilte, pustete „Berki“ erst einmal tief durch. Er wolle gar nicht so tief in die Analyse einsteigen, sagte der Altonaer Trainer dann schließlich und erklärte vielmehr: „Die Mannschaft ist total traurig. Sie hat das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen. Wir wissen, dass die Regionalliga Nord schwer ist. Wenn man ein Mal gut gespielt hat, so wie wir zuletzt gegen Egestorf, und das dann heute nicht macht, dann verliert man eben.“ Doch Algan wäre nicht Algan, wenn er nicht doch ein wenig Analyse betrieben und vorausgeblickt hätte – und letzteres mit Optimismus: „Wir hatten sechs Spieler, die nicht annähernd ihre Normalform abgerufen haben. Wir blicken jetzt auf die intensive Woche mit dem ODDSET-Pokalspiel bei Dersimspor am Dienstag und dem Liga-Spiel beim SSV Jeddeloh am kommenden Wochenende. Wir wussten schon vor der Saison, dass wir im Abstiegskampf sein werden. Ich bin trotzdem sicher, dass wir an den richtigen Schrauben drehen und den Klassenerhalt schaffen werden.“

Algan: „Ich bin sicher, dass wir an den richtigen Schrauben drehen und drin bleiben“

Serhat Cayir erwischte keinen guten Tag und wurde nach knapp einer halben Stunde ausgewechselt. Foto: KBS-Picture

Um beim symbolischen Bild zu bleiben: Gegen Hildesheim setzte Algan den Schraubendreher bereits in der ersten Halbzeit doppelt an. Nach 32 Minuten nahm er Serhat Cayir vom Platz und brachte Jakob Sachs, nur zwei Minuten später ersetzte der AFC-Übungsleiter dann Pablo Kunter durch Marco Schultz. Bereits nach 23 Minuten hatte Algan seine Ersatzspieler allesamt zum Aufwärmen geschickt. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass der AFC-Trainer nicht zufrieden war. Konnte er auch nicht sein. Denn zu diesem Zeitpunkt lag Altona bereits mit 0:1 im Hintertreffen. Der Hildsheimer Ante Blazevic hatte sich nach 18 Minuten den Ball geschnappt, setzte dann zu einem Alleingang fast über das halbe Feld an und ließ dabei gleich etliche Altonaer Akteure stehen, die allerdings auch kaum einen Versuch unternahmen, ihn zu stoppen. Und das sollte sich rächen: Blazevic drang mit dem Ball am Fuß in den Strafraum ein, ließ AFC-Schlussmann Joshua du Preez alt aussehen – und schwups führte das Schlusslicht. 


Und noch vor der Pause sollte es schlimmer für die „Berki-Boys“ kommen. Denn kaum hatte Algan seine Bankbelegschaft in Bewegung versetzt, da musste du Preez auf dem Feld zum zweiten Mal den Ball aus dem Netz holen. Die Gäste trugen einen Angriff vor, bei dem der Ball diagonal auf die rechte Seite zu Mame Mbar Diouf geschlagen wurde. Diouf hatte alle Zeit der Welt, die Kugel mit der Brust anzunehmen und sich vorzulegen, weil Gegenspieler Serhat Cayir meilenweit weg stand und nicht mehr eingreifen konnte. So wanderte die Kugel schließlich auf den Fuß von Diouf, der in den Strafraum zog und den Abschluss ins linke, lange Eck suchte. Du Preez konnte zwischen den Pfosten nichts mehr ausrichten. Und Cayir? Der schimpfte wie ein Rohrspatz mit dem Schiedsrichter-Assistenten, weil er Diouf im Abseits gesehen haben wollte. Der Assistent von Schiri Carsten Wessel (TSV Lamstedt) war aber ganz anderer Meinung und blieb bei dieser – 2:0 für Hildesheim.   

Gästecoach Goslar: „Wir haben uns hier nur Mut geholt, mehr ist heute nicht passiert“

Auch Nick Brisevac konnte die Altonaer Niederlage nicht verhindern. Foto: KBS-Picture

Im zweiten Durchgang eröffnete der eingewechselte Marvin Ibekwe den Reigen der Chancen für die Gäste (52.), nur eine Minute später kam sein Teamkollege Lukasz Staron im Sechzehner an den Ball, ließ du Preez aussteigen und knallte das Spielgerät an den Pfosten. Vom AFC kam zunächst weiterhin zu wenig. Allein Brisevac versuchte sich (63.) – allerdings kläglich und ohne Erfolg. Den hatten zunächst auf der anderen Seite auch die Gäste nicht. Aber nur, weil der AFC gleich mehrfach mit Fortuna im Bunde war: Erst klärte Sachs nach 68 Minuten auf der Linie, dann tat es ihm Finn Rettstadt eine Viertelstunde vor Schluss gleich (75.). Nach 85 Minuten schließlich scheiterte Staron an du Preez und der nächste VfV-Schuss landete am Pfosten. Altona hingegen wurde nur einmal gefährlich, als Rettstadts Flanke aus Tor zum Schuss wurde und Borussias Torhüter Nils Zumbeel aus seinem Kasten eilte und per Fuß klärte (72.), und fing sich zwei Minuten vor Schluss durch einen Freistoß von Yannik Schulze sogar noch den dritten Gegentreffer ein.

„Wir mussten jetzt bis zum Oktober auf den ersten Sieg warten. Ich will nicht vermessen sein und sagen, dass er sich abgezeichnet hat. Es ist keine Selbstverständlichkeit, hier mit 3:0 zu gewinnen“, bilanzierte Gästecoach Jörg Goslar und fügte dann hinzu: „Aber der Sonnengott kam heute aus Hildesheim.“ In der ersten Hälfte, so Goslar weiter, habe seine Mannschaft „nie wie ein Absteiger gespielt. Wir haben insgesamt gezeigt, dass wir in der Regionalliga angekommen sind und konkurrenzfähig sind. Das wird jetzt für uns natürlich eine richtig schöne Rückfahrt. Allerdings muss ich auch sagen: Wir haben uns hier nur Mut für die weitere Saison geholt. Mehr ist heute nicht passiert.“ Mut, der dem AFC nach dem Auftritt von heute fehlt, den man aber im Kampf um den Ligaverbleib definitiv brauchen wird. Genau so wie Spieler in Normalform...

Jan Knötzsch

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