Landesliga 03

„Wir haben den Gegner beherrscht – aber scheinbar so sehr, dass wir uns zu sicher waren“

22. August 2021, 20:45 Uhr

Erst biss er sich ins Spiel, dann in den Ball: Mihai Bitez (Mi.) sorgte mit seinem Doppelpack für grenzenlosen Jubel beim Ahrensburger TSV. Foto: noveski.com

Unmittelbar vor Beginn der Partie verpasste er den Spielgeräten den letzten Feinschliff, nahm die Ballpumpe in die Hand und gab dem Leder die nötige Power. Letzteres versprühte Milos Ljubisavljevic in der Folge auch auf dem Platz am Berner Heerweg. Der Offensivakteur des SC Condor nahm es in der Anfangsphase quasi mit der kompletten Hintermannschaft des Ahrensburger TSV auf. Mehr noch. Nach lediglich 380 Sekunden führte er bereits eine Art Vorentscheidung herbei – so schien es zumindest...

Milos Ljubisavljevic (re.) war in der Anfangsphase von den Gästen überhaupt nicht zu halten. Foto: noveski.com

Der Ball war an diesem Sonntagvormittag sein Freund. Nicht nur vor, sondern auch während der 90 Minuten. Immer wieder gab er der Defensive der Ahrensburger das Nachsehen. Die anfängliche Dreierkette der Gäste war schnell Geschichte. Zunächst behauptete Milos Ljubisavljevic 18 Meter vor dem Tor gegen Lennart Barge das Leder und beförderte dieses anschließend aus der Drehung über Niklas Issem hinweg in die Maschen (4.). Wenig später nahm er es gleich mit drei Mann auf – nachdem Rene Jozic den Pass in die Spitze gespielt hatte. Issem kam raus, Barge und Dennis Sailer guckten nur zu, wie der ehemalige Bramfelder das Trio mit dem Rücken zum Tor stehend düpierte und zum 2:0 einspitzelte (7.).

"Ein Schlachtfest"? - "Ich glaube immer an meine Mannschaft"

Mit einem Heber, der auf die Latte klatschte, hätte Ljubisavljevic (re.) sogar auf 3:0 stellen können. Foto: noveski.com

„Ruhig bleiben, wir haben noch Zeit“, rief ATSV-Coach Matthias Nagel seinen Schützlingen nach 18 Zeigerumdrehungen zu. Ob er wirklich noch an die Wende glaubte? Denn in der Anfangsphase wirkte es so, „als würde es ein Schlachtfest werden“, entgegnete Nagel nach der Partie offen und ehrlich. Aber: „Ich glaube immer an meine Mannschaft! Wir lagen letztes Jahr gegen Altengamme 1:3 zurück, sind zurückgekommen und hätten hintenraus sogar noch gewinnen müssen“, erinnerte er sich. „Ich weiß nicht, ob’s der Uhrzeit geschuldet war – aber wir waren nicht da“, machte Nagel allerdings auch keinen Hehl aus der Dominanz der Hausherren. Mit der Umstellung von der Dreier- auf die Viererkette bekam sein Team jedoch mehr Zugriff und Stabilität.

"Habe gesagt, dass wir auch die zweite Halbzeit gewinnen müssen"

Nikola Prom (re.) konnte es nicht glauben, als ihm Schiri Maiwald den roten Karton zeigte. Foto: noveski.com

Nichtsdestotrotz: „Wir haben es definitiv verpasst, das Spiel früher zu entscheiden. Wenn man 2:0 führt, denkt man im Kopf, dass man auch als Sieger vom Platz geht. Aber ich habe den Jungs in der Halbzeit explizit noch einmal gesagt, dass das Spiel wieder bei 0:0 losgeht und wir auch die zweite Halbzeit gewinnen müssen, um als Sieger vom Platz zu gehen“, verriet Ralph Kainzberger hinterher. Und dann war da eben diese eine Szene, die für die komplette Wende sorgte. Ein ruhender Ball der „Raubvögel“ entwickelte sich zum Boomerang. Lukas Heitmann spielte einen Traumpass auf den startenden Metehan Erdem. Dieser entwischte Nikola Prom und ging dann direkt an der Strafraumgrenze zu Boden. Da Prom letzter Mann war, zeigte Schiedsrichter Arvid Maiwald den roten Karton (54.).

"Ich vertraue da dem Schiedsrichter-Gespann"

Der Anschluss! Mihai Bitez (li.) gibt Yannick Jonas das Nachsehen. Foto: noveski.com

Die Frage war aber, hatte Prom seinen Widersacher überhaupt berührt? Der Condoraner reklamierte jedenfalls vehement und war auch beim Verlassen des Platzes außer sich. Sein Trainer reagierte darauf jedoch trotz aller Emotionen überaus fair: „Natürlich ist es unglücklich. Aber es ist auch immer leicht zu sagen, dass da nichts war. Ich hatte von meiner Position nicht den besten Blick und vertraue da dem Schiedsrichter-Gespann“, so Kainzberger. Sein Gegenüber konstatierte: „Ich bin der Meinung, er trifft ihn. Auch wenn es nicht doll war, aber er kommt dadurch ins Straucheln und dann ist es nun mal eine Rote Karte“, so Nagel, dessen Stormarner auf einmal voll da waren.

"Das ist vielleicht sein großes Plus, dass er nie verzweifelt"

Das 2:2 kurz vor Schluss: Erneut steht Bitez (li.) goldrichtig und vollendet ins verwaiste Gehäuse. Foto: noveski.com

Insbesondere ein Mann: Fünf aussichtsreiche Torabschlüsse hatte Mihai Bitez bereits zu verzeichnen – doch der Torjäger des ATSV steckte den Kopf nicht in den Sand. Ganz im Gegenteil. Bitez unterstrich und untermauerte die Lobeshymnen seines Trainers: „Das ist vielleicht auch sein großes Plus, dass er für sich nicht sagt oder denkt, heute ist ein scheiß Tag, und dann verzweifelt, sondern er bleibt immer dran.“ Vor allem aber blieb Bitez stets torgefährlich. Sechs Minuten nach dem Platzverweis gegen die Farmsener schlug der Rumäne ein erstes Mal zu, als Erdem ihm das Leder von links perfekt auf den ersten Pfosten servierte. Mit der echten Innenseite schob Bitez ins kurze Eck ein (60.). Ahrensburg war nun voll da – und es entwickelte sich ein munterer, sehenswerter und turbulenter Schlagabtausch mit Chancen hüben wie drüben bei nun strömendem Regen.

Bitez rettet das Remis

Das Küsschen auf's Spielgerät darf nicht fehlen: Mihai Bitez (re.) und sein ATSV feierten den späten Punktgewinn bei einem "Titelaspiranten". Foto: noveski.com

„Die Punkte müssen wir uns jetzt verdienen. Es muss nicht mehr schön sein“, rief SCC-Keeper Yannick Jonas seinen Vorderleuten zu, die inzwischen leidenschaftlich verteidigen mussten. „Männer, die haben keine Ideen außer Ballverluste von uns“, versuchte Kapitän Niederstadt, den Gegner noch ein wenig nervös zu machen. Doch am Ende hatte Mihai Bitez das letzte Lachen auf seiner Seite. Nach einem sensationellen Außenrist-Pass von Erdem legte Bitez für Aron Jahn ab. Dieser tankte sich in den Strafraum vor, wo Kristijan Andic aus halblinker Position zum Abschluss kam. Kevin Pulaczewski kratzte das Spielgerät noch von der Linie – aber Bitez stand goldrichtig und staubte zum 2:2 ab (88.)!

"Ich will keine Superlativen auspacken, aber er ist einer der besten Stürmer in Hamburg"

„Wir hatten beste Voraussetzungen, haben es aber nicht geschafft, den Sieg über die Runden zu bringen“, bilanzierte Kainzberger, der seine Equipe in der ersten Halbzeit „enorm stark“ sah und die „gute Balance“ hervorhob. „Wir haben den Gegner beherrscht – aber scheinbar so sehr, dass wir uns zu sicher waren. Meine Worte in der Halbzeit haben scheinbar kein Gehör gefunden. Da fehlt uns die nötige Ruhe.“

Lag ein Kontakt vor oder nicht? Metehan Erdem (li.) ging im Duell mit Nikola Prom jedenfalls zu Boden. Die Wende im Spiel. Foto: noveski.com

Auch Nagel machte keinen Hehl daraus, dass „die erste Halbzeit an Condor“ ging. Aber: „Wir hatten schon gegen Ende der ersten 45 Minuten Chancen.“ Durch die Rote Karte haben seine Schützlinge schlussendlich „Oberwasser“ bekommen. Und am Ende hätte man das Geschehen sogar noch gänzlich auf den Kopf stellen können. Allerdings wusste auch Nagel: „Das wäre ein bisschen zu viel des Guten und für Condor auch mehr als unverdient gewesen. Wir sind damit sehr zufrieden, auswärts bei einem der Titelaspiranten einen Punkt mitzunehmen.“ Und das vor allem auch dank Mihai Bitez, der nicht aufsteckte, den Kopf nicht hängen ließ und immer weiter machte. „Das ist einfach Mihai. Der ist immer geil auf Tore! Ich will jetzt gar keine Superlativen auspacken, aber er ist natürlich schon einer der besten Stürmer in Hamburg“, schwärmte Nagel von seinem Goalgetter – und fuhr „mit einem Lächeln nach Hause“.

Autor: Dennis Kormanjos

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